Herbst in Nordkorea, Rudolf Bussmann

Der Untertitel, Annäherung an ein verschlossenes Land, trifft das Buch genau. Denn Rudolf Bussmann hat sich mit der Journalistin und Übersetzerin Hoo Nam Seelmann, genannt Yu-Mi, auf die Reise gemacht. Die beiden Schweizer Staatsangehörigen erhielten Visa, um von China in den Norden Nordkoreas einzureisen. Eine Reise die von der Sonderwirtschaftszone Rasŏn, bis runter zum Ch’ilbo Gebirge führt, von dem es nur einhundert Kilometer sind, bis zum Atomtestgelände P’unggye-ri.

Es ist nicht nur ein unglaublich spannender Reisebericht. Bussmann ergreift hier die Chance, die Geschichte Nordkoreas zu erzählen. Die raren Fakten einzuflechten, die von den wenigen Experten, Reiseführern aber auch den Flüchtlingen berichtet wurden.

Das Buch ist informativ, spannend wie Thriller und wirbt für Verständnis für die kleinen Leute in diesem Land. Denn dort, wie fast überall auf der Welt, sind es genau diese Menschen, auf deren Rücken Macht, Korruption und Größenwahn ausgelebt wird. Wollen Sie ein wenig mehr über Nordkorea wissen, dann ist dieser Reisebericht die perfekte Literatur.

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Ian McGuire: Der Abstinent

Dieser außergewöhnliche Kriminalroman spielt im Jahre 1867 und schildert das Verhältnis zwischen Engländern und Iren. Als Protagonisten schildert der Autor einen irischen Polizeibeamten der wegen Trunksucht nach Manchester versetzt wird und einen irisch stammenden amerikanischen Soldaten. Der Polizist soll in England irische Verschwörer entdecken und der Soldat soll unter der englischen Bevölkerung für Unruhe sorgen, damit sich Irland von England abspalten kann. Als tatsächliche geschichtliche Grundlage nimmt der Autor die Hinrichtung von drei irischen Fanians, die unter der irischen Einwohnerschaft von Manchester für großen Aufruhr sorgt. Der Roman sorgt für großes Kopfkino das aufgrund der Erzählweise an die Kriminalfilme der fünfziger und sechziger Jahre in schwarz-weiß erinnert. Weiterlesen

Nichts als die Wahrheit, James Comey

Wenn sich jemand mit dem amerikanischen Rechtssystem auskennt, dann James Comey. Von der Pike bei der Staatsanwaltschaft New York musste er manchmal auf die harte Weise erfahren, dass es in diesem Beruf und allen Berufen, die dem Justizministerium unterstellt sind, nur um eines gehen sollte, um die Wahrheit! Und die Wahrheit ist keine Sache der Definition oder der politischen Ansicht, die eigentliche Wahrheit ergibt sich aus nachweisbaren oder widerlegbaren Tatsachen.

Autobiografisch erzählt Comey von seinen Fällen als Staatsanwalt und wie er dort gelernt hat, dass man als Rechtsvertreter des Volks nie einen Millimeter von der Wahrheit abrücken darf, selbst wenn man seinen eigenen Fall damit sabotiert. Weil er in diesem Sinne handelte, feuerte Präsident Trump 2017 Comey, der als Republikaner bereits 2013 unter Barak Obama FBI-Direktor war. Das Buch berichtete anschließend über die Zeit Präsident Trumps, seine stetiges Unterwandern der Wahrheit, das sukzessive entfernen von Menschen, die sich dem nicht beugen wollten und die Infragestellung der drei demokratischen Pfeiler der USA, der Legislative, der Exekutive und der Judikative. James Comey zieht direkte Linien zur Watergate-Affäre, dem damaligen Präsidenten Nixon sowie Edgar Hoover, der als längster FBI-Direktor seine Machtposition schamlos ausnutzte.In seinem letzten Kapitel spricht James Comey von der Chance des Wiederaufbaus, wie das auch mit dem Justizapparat nach der Nixons Korruption passierte. Er berichte wie der damals neue, unabhängige und keiner Partei anhängige Justizminister Edward Levi dafür sorgte, dass das amerikanische Volk wieder Vertrauen in die Justiz bekam, durch Transparenz und die unbedingte Wahrheit.

Genau wie Comeys erstes Buch „Größer als das Amt“, ist „Nichts als die Wahrheit“, hochinteressant, gut geschrieben und nimmt kein Blatt vor den Mund. Hier geht es nicht um eine Abrechnung mit Trump, hier geht es um die Wahrheit, die von diesem Präsidenten mit Füßen getreten wurde.

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Schau mal, wer da fliegt, Die bunte Welt der Vögel, Asia Gwis Kinderbuch ab 6 Jahren

Ein lehrreiches, buntes und manchmal richtig wildes Kinderbuch. Es erinnert an die Suchbilder, in denen Kinder immer neue Aufregungen entdecken können. Dabei geht es in diesem Buch um Vögel, die heimischen, die vom Lande, die im Urwald und anderer fliegende und piepende Exoten. Man erfährt, was einen Vogel eigentlich ausmacht, wieso er verschiedene Arten von Federn hat, welche Nester er baut, wie seine Eier aussehen und natürlich was die Zugvögel bei ihren Wanderungen so leisten. Wussten Sie, dass eine Pfuhlschnepfe sich vor dem Zug enorme Fettreserven anfrisst, damit sie einen Flug von 11.000 Kilometern ohne Zwischenhalt bewältigen kann. Vielleicht weiß es ihr Kind auch bald.

Ein schönes wissensreiches Kinderbuch in dem darauf geachtet wurde, die Vögel kindgerecht aber auch naturgetreu zu zeichnen. So können die Kleinen den einen oder anderen gefiederten Gesellen bald im heimischen Baum oder im Zoo wiedererkennen.

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Humans, DVD und Blu-Ray

Humans ist eine britisch-US-amerikanische Fernsehserie, die von der erstmals in Schweden ausgestrahlten Serie Real Humans, nach einer Idee von Lars Lundström adaptiert wurde. Wobei die Neuverfilmung sehr großzügig ausgelegt wurde.

Die Serie spielt in einer fiktiven Gegenwart, in der die Menschheit sich bereits die Existenz von Androiden, also speziellen humanoiden Robotern zu nutzen macht. Ob Altenpflege, Kinderbetreuung, Haushalt, Arbeiten am Fabrikband oder für sexuelle Dienste, die Hubots (Human Robots) sind vielfältig einsatzfähig. Das führt bereits zur Spaltung der menschlichen Gesellschaft. Denn nicht jeder kann sich einen Hubot leisten oder verliert sogar seinen Job an das effizientere mechanische Ebenbild. Und im schlimmsten Falle verliert man vielleicht sogar ein Kind, weil eine Hubot-Nanny auch Fehler machen kann. Als jedoch Hubots mit eigner Intelligenz, eigenem Bewusstsein und Gefühlen auftauchen, wird es kritisch. Sie laden ihr Programm ins Web, um auch die anderen Hubots, auch Synth genannt, aufzuwecken. Damit ist das Chaos vorbestimmt. Wenn Menschen sich schon wegen unterschiedlicher Hautfarben und Religionen totschlagen, wie soll ein friedliches Leben mit Maschinen die fühlen und denken möglich sein?

Ein oft in Literatur und Film bearbeiteter Wunsch und gleichzeitig Horror der Menschheit, die denkende Maschinen. Von 2001: Odyssee im Weltraum, über Blade Runner, A.I. und Matrix alles schon gesehen? Nicht ganz, Humans ist wesentlich detaillierter und gerechter mit der Schuldfrage, denn es sind nicht nur die Hubots, die am Ende die Bösen sind. Weiterlesen

Gestapelte Frauen, Patrícia Melo

Femizid: tödliche Gewalt gegen Frauen oder eine Frau aufgrund des Geschlechts (Duden)

Ein sehr kraftvoller Roman, der den alltäglichen Femizid in Brasilien zum Thema hat. Es ist keine Dokumentation, denn es erzählt die spannende Geschichte einer jungen Anwältin, die wegen eines Berichts über Frauenmorden in das Grenzgebiet Acre reist. Dort wurde ein vierzehnjähriges indigenes Mädchen auf brutalste Art und Weise gefoltert, verstümmelt, vergewaltigt und ermordet. Auf der Anklagebank sitzen drei junge angesehene Studenten aus besten Kreisen der Gesellschaft, Sprösslinge der mächtigen Herrn von Arce. Und so wird die Verhandlung trotz Beweisen und Zeugen eine Farce. Denn arme Frauen, schwarze Frauen und besonders indigene Frauen zählen in Brasilien so gut wie nichts. Und wenn man ein reicher Mann ist, dann kommt einem das korrupte System zur Hilfe.

Doch die junge Anwältin ist nicht nur Erzählerin und Beobachterin, sie selbst wurde erst vor Kurzem von ihrem Freund ins Gesicht geschlagen und als Schlampe tituliert. So bricht sie den Kontakt ab, Angst und Hass sind jetzt ihre Gefühle für Armir. Denn sie ist eine Frau mit Narben, Narben aus der Kindheit, da ihre eigene Mutter getötet wurde.

Der Roman ist hart und unverblümt geschrieben. Er berichtet von dem gelebten Recht der Männer, ihre Frauen wie Sklaven und Dreck zu behandeln. Aber es ist auch die Reise in den Urwald Brasiliens zu den indigenen Stämmen mit ihren Ritualen und zeremoniellen Drogen. Von kraftvollen Gedanken und Taten der Rache. Und der wichtigste Botschaft, die man Frauen nur mitgeben kann: Schweig nicht über eure Misere, schämt euch nicht für euer Verwundungen, sondern verbündet euch und desmaskiert die Täter.

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Jeder Mensch, Ferdinand von Schirach

Dieses Mal erschien kein Buch von Ferdinand von Schirach, es erschien ein Statement. Seine zweiunddreißig Seiten beginnt er mit den Worten der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: „Folgende Wahrheit erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sein; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ Am 4. Juli 1776 wurde diese unterzeichnet. In einer Zeit in der Sklaverei an der Tagesordnung war. Erst 189 Jahre später, 1965 unterzeichnete Präsident Johnson den Voting Rights Act, das Gesetz, das Schwarzen das volle Wahlrecht jenseits aller Schreibtest und formaler Hürden gab. Herr Schirach bezeichnet die Unabhängigkeitserklärung im 1776 daher zu Recht noch als Utopie, die den Menschen nicht zeigte, wie die Wirklichkeit war, sondern wie sie werden sollte!

Am 1. Dezember 2009 trat die Charta der Grundrechte der Europäischen Union in Kraft. Auch heute noch kann sie von EU-Mitgliedsstaaten systematisch verletzt werden, ohne vor dem Europäischen Gerichten eingeklagt zu werden. Wieder eine Utopie?

Und jetzt sind wir im Jahre 2021 angekommen. Digitalisierung, Globalisierung, der Klimawandel, künstliche Intelligenz, das Internet und die sozialen Medien sind ganz neue Herausforderungen. Von diesen Entwicklungen haben die Gründer, Mütter und Väter der Verfassungen, wie der Unabhängigkeitserklärung und selbst die alten Verfassungen in Europa nichts geahnt.

Dann bittet der Autor darum, sich etwas vorzustellen: Zitat: „Stellen Sie sich deshalb vor, es gäbe sechs neue Grundrechte. Grundrechte, die einfach sind, naiv und Ihnen utopisch erscheinen mögen. Aber genau darin könnte ihre Kraft liegen.“

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Anne Mette Hancock: Leichenblume

Wochenlang Platz 1 der dänischen Bestsellerliste. Endlich auch bei uns. Ganz Dänemark ist begeistert von dem Erstlingswerk, von der jungen Autorin Anne Mette Hancock, „Leichenblume“. Ein verstörender persönlicher Thriller über Rache, Gerechtigkeit und Vergebung. Der erste Fall für Heloise Kaldan und Hauptkommissar Erik Schäfer. Leichenblume  – Amorphophallus Titanwurz Ihre Heimat ist das südliche Sumatra. Der Name Leichenblume stammt von dem Geruch, den die Blüte verströmt nach verwesendem Fleisch. Sie lockt damit Insekten an, wie Schmeißfliegen, um diese zur Bestäubung einzuschließen. Weiterlesen

Der Fährmann, Ashley Dyer

Der Faehrmann von Ashley Dyer

Der Fährmann ist der zweite Teil, um die Detectives Ruth Lake und Greg Caver von der Kriminalpolizei Liverpool. Die beiden eingespielten Partner lecken sich eigentlich noch die eigenen Wunden von ihrem letzten Fall, bei dem vor allem Greg Caver schwer verletzt wurde. So kämpft er mit visuellen Störungen, Sekundenschlaf und Migräne. Dennoch hat er keine Zeit und vor allem nicht den Wunsch weiterhin seinen Job zu vernachlässigen. Die Öffentlichkeit glaubt, dass ein mystischer Serienmörder sein Unwesen treibt. Denn innerhalb der letzten Monate sich zwölf Männer verschwunden und man hat dem Täter bereits einen Namen gegeben: Fährmann. Eine True-Crime-Serie greift das Thema auf und entmystifiziert den Serienmörder. Daraufhin verschwindet auch der Moderator Mike Tennent. Es dauert nicht lange, bis Körperteile von Tennent und auch zwei der verschwundenen jungen Männer in einer perversen Kunstinstallation wieder auftauchen. Leider hat der Fährmann die sozialen Medien genutzt und eine regelrechte Meute Schaulustiger zu der Installation geführt. Auch die Detectives folgen dieser nicht nachvollziehbaren Einladung und es soll nicht das letzte Kunstwerk des Fährmanns sein.

Ein hochspannender Thriller! Da eine Forensik-Expertin daran mitgeschrieben hat, wird kein Blatt vor den Mund genommen, wenn man Opfer oder Teile von Opfern findet. Etwas für starke Thrillernerven, die bei der Unterhaltung regelrecht vibrieren.

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Mein Algorithmus und Ich, Daniel Kehlmann, Stuttgarter Zukunfsrede

Im Februar 2020 fliegt Daniel Kehlmann ins Silicon Valley, um an einem Experiment teilzunehmen. Eine Cloud-Computing-Firma hat einen mächtigen Algorithmus für natürliche Sprache entwickelt. Man ist auf die Idee gekommen, einen Schriftsteller gemeinsam mit der Künstlichen Intelligenz (genannt CTRL) gemeinsam schreiben zu lassen.

Über diese Erfahrungen des gemeinsamen Schreibens, der menschlichen Vorstellung  von Künstlicher Intelligenz und vor allem den Limitierungen einer Maschine, berichtet Daniel Kehlmann. Es sind zum Teil philosophische Gedanken, zum Teil zum Schreien komische Erfahrungen und manchmal nur der Bericht über ein absurdes Zusammenspiel einer Datenbox und einem Menschen.

Ein kleines aber in Wirklichkeit ganz großes Buch einer Rede, die der Autor als Auftakt der „Stuttgarter Zukunftsreden“ am 2. Februar 2021 gehalten hat. Sie sollten dieses Büchlein nicht versäumen, denn es geht um ein wichtiges Thema. Wie gehen wir in der Zukunft mit Robotern und Daten um, denn umkehren in eine Vergangenheit, wie wir sie kannten, ist nicht mehr möglich. Um das Buch richtig genießen zu können, sollten Sie des Englischen mächtig sein, denn die Dialoge zwischen CTRL und Daniel Kehlmann sind nicht übersetzt.

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