Chaos, Glück und Höllenfahrten, Wiglaf Droste

Wiglaf Droste, Sänger, Autor, Journalist, Enfant terrible und vor drei Jahren hätte man ihn noch als Querdenker bezeichnet, als dieses Wort einen positiven, lobenden Klang hatte. Seine Schriften sind endlos, mal anklagend, mal zynisch, mal witzig und vor allem bitter. Droste wurde sogar ein eigener Stil, die neue Textform der polemischen Satire angedichtet. Ob das Cholerische an ihm vom Trinken oder Weltverdruss oder einer symbiotischen Verbindung vom beiden kam, sei dahingestellt. So waren seine Worte oft schneidend und noch öfter zutreffend. Es ist nicht einfach ein Leben in ein Buch zu packen, doch mit Chaos, Glück und Höllenfahrten kam der Tiamat Verlag einem solch intensiven Leben, wie dem Wiglaf Drostes sehr nahe. Die autobiografische Schnitzeljagd, die aus eigen Texten und Texten von Kollegen, Verlegern und Freunden besteht, hinterlässt ein gewisses Gesamtbild von Droste, das den so vielfältigen Charakter wohl ziemlich gut trifft.

Autorenfoto: Copyright ® Alex Martens

Wiglaf Droste, 27.6.1961-15.5.2019, in Herford/Westfalen geboren, lebte in Leipzig, Berlin, unterwegs und die letzten Jahre in Pottenstein. Er schrieb seit 2011 eine tägliche Kolumne für die junge Welt und lieh seine Stimme auf Hörbüchern verehrten Schriftstellern wie Voltaire, Dashiell Hammett, Volker Kriegel, Peter Hacks, Kinky Friedman und James Krüss. Er war 2009 Stadtschreiber in Rheinsberg. Für seine harsche, polemische, liebevoll wortschöpferische und lyrische Sprache wurde Wiglaf Droste 2003 mit dem Ben Witter-Preis und 2005 mit dem Annette von Droste-Hülshoff-Preis ausgezeichnet. 2013 erhielt er den Peter-Hille-Literaturpreis und den  Nieheimer Schuhu 2013. 2018 erhielt er den Göttinger Elch für sein „Lebenswerk satirischer Provenienz und satirische Mehrfachbegabung“.

Ein sprachlicher Tausendsassa, der sowohl für Titanic, taz und WDR schrieb und das ohne jegliche Ausbildung, denn das Studium der Publizistik schmiss er mit der Begründung, dort gehe es zu wie in der Schule. Ein Lebemensch, der gehasst, verehrt wurde und immer wieder zwiespältig im Scheinwerferlicht auftauchte. Ein Künstler, der sagte und tat, was er aus tiefster Überzeugung meinte oder auch die Promille ihm diktierte. Vieles wurde ihm nicht verziehen, auch von den Redaktionen der Zeitungen nicht, für die der tätig war. Und so endet eine Kurzgeschichte von ihm mit dem Satz: „Schon seltsam, wie leicht man vergisst, dass alles, was man tut, für immer ist.“

Dennoch spürt man in dem Buch, bei den Fremdbeiträgen die Verehrung für Droste, man erspürt, dass eine sehr herzliche Seite in dem so oft verdrossenen Autoren steckte. Auch kommt in seinen eigenen Beiträgen, wenn er über den Geburtstag seines Vaters und die Finkenwerder Scholle schreibt, der Witz nicht zu kurz. Genau, wie die geballte Traurigkeit, am Ende des Buchs, bei der mit sich und dem Alkohol ins Gericht geht. Heute würde man sagen, der Schriftsteller hatte mit seinen siebenundfünfzig Jahren ein kurzes Leben, das jedoch durch die gelebte Intensivität wahrscheinlich doppelt so lang war.

Ein Buch, als Freundschafts- vielleicht sogar kleine Liebeserklärung an den Schriftsteller. Ein Nachruf, bei dem man schmunzelt und manchmal laut lacht. Wahrscheinlich hätte Wiglaf Droste das Buch gefallen, der auch einmal gesagt haben soll, das auf seinem eigenen Grabstein der Satz: „Hier war ich noch nie“, gut passen würde.

Chaos, Glück und Höllenfahrten, Wiglaf Droste, Tiamat Verlag, gebundenes Buch, Seiten 360, ISBN: 978-3-89320-273-7, Euro 24,00, erschienen 2021.

 

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