Trick Mirror, Über das inszenierte Selbst, Jia Tolentino

„Das Internet wurde mit seinem Versprechen, ein potenziell grenzenloses Publikum zu erreichen, immer mehr zum natürlichen Habit der Selbstdarstellung.“ So fängt die überaus kluge Autorin, ihr Kapitel, Das Ich im Internet, an. Jia Tolentino beobachtet, nicht nur skrupellose Vertreter der Millennium-Generation, für die Betrug als der schnellste Weg zum Sieg gilt. Sie sagt auch ganz klar, dass die beiden prominentesten Familien der USA in Politik und Kultur – die Trumps und Kardashians – es an die Spitze der Nahrungsquelle geschafft haben, weil sie erkannten, wie wenig Substanz es braucht, um das eigene Ich als endlose Geldquelle zu vermarkten. Aber sie beobachtet nicht nur die anderen, sie hält sich den Spiegel selbst vor, denn auch sie ist nicht gefeit vor der stetigen Selbstoptimierung, die vor allem von Frauen verlangt wird. Sie beleuchtet den Kult, der um schwierige Frauen gemacht wird und die Falle mit dem Hochzeitswahn in ihrem Land.

Jia Tolentino eine junge Frau Anfang dreißig, die mit ihren hochintelligenten Essays nicht mahnend den Finger hebt, sondern sich damit ertappt auf die Brust klopft. Denn sie behauptet von sich selbst, internetsüchtig zu sein. Heute beschäftigt sie sich daher kritisch mit den Auswirkungen der Web-Besessenheit auf die Realität und den Zeitgeist. Das Buch ist ein echter Augenöffner und scharfsinnige Leseunterhaltung!

Autorenfoto: ® Elena Mudd

Jia Tolentino, geboren 1988 in Toronto, wuchs in einem strengreligiösen Elternhaus in Texas auf und studierte Literatur sowie Kreatives Schreiben an den Universitäten von Virginia und Michigan. Sie schreibt als Kulturkritikerin für den »New Yorker« und lebt in Brooklyn. »Trick Mirror« ist ihr erstes, hymnisch besprochenes Buch.

Die kritische und durchaus selbstkritische Autorin sieht sich den neuen sogenannten Feminismus im Net an. Sie spricht über Trolle, schlechte Journalisten und natürlich über Präsidenten, die es am besten wissen: Denn redet man schlecht über jemanden im Web, macht man letztlich nur Werbung für dessen Arbeit. Sie demaskiert die sozialen Medien. Zitat: „Facebooks Ziel, den Leuten nur noch zu zeigen, was sie interessiert, führte innerhalb eines Jahrzehnts praktisch zum Ende einer gemeinsamen gesellschaftlichen Realität.“

Und so warnt Jia Tolentino: „1985 beobachtete Neil Postman, dass das amerikanische Verlangen nach unablässiger Unterhaltung toxisch geworden war und das Fernsehen zu einem Abstieg in die grenzenlose Trivialität geführt habe. Der Unterschied ist der, dass es heute nicht mehr weitergeht. Dem Kapitalismus bleibt kein Land mehr, um es zu kultivieren, als das Selbst. Alles wird ausgeschlachtet – nicht mehr nur Güter und Arbeitskraft, sondern auch Persönlichkeit, Beziehung und Aufmerksamkeit. Der nächste Schritt ist die vollständige Identifizierung mit dem Online-Markt, die physische und geistige Unzertrennlichkeit vom Internet: ein Albtraum, der bereits an die Tür klopft.“

Es kann in dieser Rezension nicht jedes der Themen anklingen, die das Buch beinhaltet. Aber sie sind durchweg scharfsinnig analysiert und unverblümt klar, fast rücksichtslos dargelegt. Dabei hat Jia Tolentino einen Schreibstil, der einem ihre Essays als echtes Lesevergnügen näher bringt. Daher wäre es auch gar nicht nötig gewesen, die Lobeshymnen der amerikanischen Presse, am Anfang des Buches vorzustellen.

Trick Mirror, Jia Tolentino, S. Fischer, gebundenes Buch, Seiten 368, ISBN: 978-3-10-397056-2, Euro 22,00.

 

 

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