Geiger, Gustav Skördeman

Was passiert, wenn eine Schläferin nach mehr als dreißig Jahren im Alter von knapp siebzig den Anruf erhält, auf den sie immer gewartet hat? Nun, dann passiert es, dass sie ihrem eigenen Ehemann, mit dem sie vierzig Jahre verheiratet ist, Kinder und Enkelkinder hat, einfach eine Pistole an den Kopf setzte und abdrückt. Mit diesem Anruf wird etwas in Gang gesetzt, auf das einige Leute lange gewartet haben und es ist etwas wirklich Großes!

Und etwas wirklich Großes hat Gustav Skördeman auch mit dem ersten Teil seiner Debüt-Trilogie abgeliefert. Eine wirklich außergewöhnliche Idee, die das Thema DDR Spionage in Schweden aufgreift, es aktuell macht und keine zwischenmenschliche Niedertracht auslässt. Und das, obwohl die DDR seit über dreißig Jahren nicht mehr besteht. Der Autor lässt den Kalten Krieg wieder aufleben und scheut sich nicht eine richtig alte Frau als Killer loszuschicken. Es ist hochinteressant, wie die achtziger Jahre wieder aufblühen. Skördeman beschreibt vor allem spannende, kontroverse, Frauengestalten, die einen in Atem halten und erzählt seine Geschichte mit einem nicht abreißenden Spannungsbogen.

Großes Kopfkino und ein wahrer Lesegenuss! Schon jetzt bekenne ich mich als Fan der Geiger Trilogie.

Autorenfoto: Copyright Benjamin Thuresson

Gustaf Skördeman ist 1965 in Nordschweden geboren. Heute lebt er mit Frau und zwei Kindern in Stockholm. Er ist Drehbuchschreiber, Regisseur und Filmproduzent. GEIGER ist sein schriftstellerisches Debüt. Die Idee für diesen Thriller kam ihm bereits vor zehn Jahren. Seitdem hat er an der Handlung für diesen Auftakt einer Trilogie gefeilt. Das Buch wurde gleich ein internationaler Erfolg und erscheint in 20 Ländern.

Zusammen mit ihren Ehemännern holen die Töchter Lotta und Marlin Broman die Enkelkinder wieder von Großmutter Agneta und Opa Stellan ab. Beide Großeltern sind fast siebzig Jahre alt. In den Sechziger- und Siebzigerjahren war Stellan im schwedischen Fernsehen ein Topentertainer genannt Onkel Stellan und seine Frau Agneta die schillernde Gastgeberin an seiner Seite. Prominenz, Politiker und Künstler gaben sich bei den Bromans die Klinke in die Hand und genossen in ihrem Haus ausschweifende Feste. Doch das ist lange vorbei, jetzt sind sie nur noch Oma und Opa. Als die Familie sich gerade auf den Heimweg macht, klingelt der alte Festnetzapparat im Büro. Der Anrufer sagt nur ein Wort: Geiger.

Und damit ist etwas in Gang gesetzt, dass für Agneta Bromans Geschmack viele Jahrzehnte zu spät passiert. Dennoch weiß sie immer noch genau, was sie zu tun hat. Sie holt die Pistole aus dem Versteck und schießt ihrem Mann in den Kopf. Dann winkt sie ihren Kindern und Enkelkindern ein letztes Mal, die gerade vom Hof fahren. Der erste Dominostein ist gefallen und der Leser wird in eine Kette von Ereignissen gezogen, die erst nach und nach verständlich werden.

Zur Aufklärung trägt vor allem die schlagkräftige und nervlich kurz angebundene Polizistin Sara Nowak bei. Eigentlich ist sie bei der Sitte und wird immer öfter gewalttätig gegen die Freier, die ihrerseits die jungen Frauen schlagen, die man zur Prostitution zwingt. Sara befindet sich momentan in einer Phase ihres Lebens, die man Midlife-Crisis nennen könnte. Die Tochter wird flügge, die Ehe ist so lala, der pubertierende Sohn konsumiert Pornos und ihre inkompetente Chefin will sie wegen ihrer Aggressionen am liebsten feuern.

Als ihre Freundin und Kollegin Anna sie jedoch anruft und ihr mitteilt, das Stellan Broman ermordet wurde und seine Frau verschwunden ist, nimmt Sara wie selbstverständlich ihre eigenen Ermittlungen auf. Denn die Verbindung zu den Bromans ist durch den größten Teil ihrer Kindheit bestimmt. Sie lebte für Jahre in dem kleinen Sommerhaus auf dem Grundstück der Familie, weil ihre Mutter dort so eine Art Hausmädchen war. Saras Hartnäckigkeit führt sie bald in die richtige Richtung und sie kann es erst kaum glauben, als sie rausfindet, das Stellan ein ehemaliger IM (Informeller Mitarbeiter) bei der Staatssicherheit der DDR war. Einer der beliebtesten VIPs Schweden war ein DDR-Spion und jetzt ist er tot und seine Frau vom Erdboden verschluckt.

Eine exzellente Basis, um einen hochspannenden Thriller zu beginnen. Und es wird auf jeder Seite besser. Denn Gustav Skördeman schafft es, seine ehemaligen Topspione und Profikiller auch in einem Alter von siebzig Jahren authentisch und gefährlich real erscheinen zu lassen. Zwar wird nicht mehr mit kamikazeähnlichen Nahkämpfen aufgetrumpft, wenn es darum geht, eine Zielperson auszuschalten. Doch als verwirrte alte Frau kann man schon mal die Gewalt über ein Auto verlieren und den Feind dann einfach überfahren. So hasst die Hauptprotagonistin Agneta zwar ihren alten nicht mehr so funktionsfähigen Körper, doch eine Oma zu sein, hat auch Vorteile. Wer ahnt schon, dass die kleine, faltige, weißhaarige Dame ein Black Mamba wie Uma Thurman in Kill Bill ist.

Für mich wird es ein ungeduldiges Warten auf den zweiten und dritten Teil.

Geiger, Gustav Thuresson, Lübbe, Paperback mit Klappen, Seiten 496, ISBN 978-3-7857-2737-9, Euro 16,00.

 

 

Interview geführt vom Bastei Lübbe Verlag mit dem Autor Gustav Skördeman

»Die geheime Spionagewelt des Kalten Krieges hat mich extrem fasziniert.« | 18.02.2021

Können Sie Ihren Thriller GEIGER in einem Satz beschreiben?

Geiger ist ein Spionagethriller mit einer gewissen Verbindung zum Kalten Krieg, mit starken Frauenfiguren und vielen unvorhersehbaren Wendungen.

Gleich zu Beginn des Buches wird Stellan Broman ermordet – von seiner Ehefrau Agneta Broman. Die spannende Frage lautet also nicht WER?, sondern WARUM?. War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie die Geschichte auf diese ­eher ungewöhnliche Weise beginnen lassen möchten?

Am Anfang nicht, aber sobald mir diese Idee in den Sinn kam, wusste ich, dass ich das Buch schreiben musste.

Sie haben eine komplexe Handlung entworfen, bei der unter anderem die ehemalige DDR, der Kalte Krieg und die Auflösung der Sowjetunion von Bedeutung sind. Dabei spielen auch der KGB und die Stasi eine wichtige Rolle. Was fasziniert Sie an diesen Themen und wie gestaltete sich die Recherche?

Für diese Themen habe ich mich schon immer interessiert. Ich bin während des Kalten Krieges aufgewachsen und damals wurde alles davon beeinflusst. Auf eine Art und Weise, die man sich heute nicht mehr wirklich vorstellen kann. Ich habe immer schon viel darüber gelesen und Zeitungsartikel zum Thema aufgehoben (auch den in GEIGER erwähnten Artikel von 1986 über das STAY PUT-Programm). Bei der Recherche für GEIGER habe ich viele Bücher über die DDR, die Stasi, Spionage, den Kalten Krieg usw. gelesen und ich habe es sehr genossen, das im Rahmen meiner Arbeit tun zu können.

Auch in der Originalsprache, Schwedisch, trägt das Buch den Titel GEIGER, also ein deutsches Wort. Können Sie uns verraten, warum?

Weil es neugierig macht. Die Leute kennen das Wort von dem Begriff GEIGERZÄHLER, aber das hier ist einfach nur GEIGER. Damit hat es etwas Vertrautes, aber auch etwas Geheimnisvolles an sich. Und es gefällt mir, wenn der Buchtitel ein Rätsel darstellt, das im Laufe der Geschichte aufgeklärt wird. Und vor allem: Das Wort klingt einfach gut.

Stellan Broman, der ermordete Ehemann, stand als beliebter schwedischer Fernsehmoderator mit seiner Vorzeigefamilie viele Jahre lang in der Öffentlichkeit. Doch die perfekte Fassade beginnt zu bröckeln. Wurde der Charakter von „realen“ Vorbildern inspiriert?

Ja. Mit seinem Ruhm und seiner dominanten Rolle im schwedischen Fernsehen ähnelt er einigen schwedischen TV-Größen aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren. Aber die dunkle, missbräuchliche Seite seiner Persönlichkeit ist eher von einigen abgestürzten Prominenten in den USA und England inspiriert.

Der Kommissarin Sara Nowak fällt es schwer, Beruf und Privatleben zu trennen. Sie handelt in manchen Situationen unkontrolliert und unprofessionell. Wie würden Sie Ihre Protagonistin beschreiben?

Als eine Polizistin, die genug von dem Missbrauch und der Gewalt gegen Frauen hat, die sie jeden Tag sieht. Letztendlich kann sie sich einfach nicht mehr zurückhalten. Und es ist ihr egal, dass die Anwendung von körperlicher Gewalt nicht als „typisch weibliches Verhalten“ gilt.

Geiger ist Ihr Debütroman, zuvor waren Sie unter anderem als Drehbuchautor tätig. Was waren die größten Herausforderungen dabei, stattdessen einen Thriller zu schreiben?

Ich musste mich viel tiefer in die Köpfe der Figuren hineindenken. Als Drehbuchautor weiß man, dass die Schauspieler, der Regisseur, der Kameramann und der Bühnenbildner alle gleich viel zum Endergebnis beitragen. Bei einem Buch liegt alles bei einem selbst (und dem Lektor). Man muss das komplette Erlebnis nur mit Hilfe der eigenen Worte erschaffen.

Sie haben auch Erfahrung als Regisseur und Filmproduzent. Haben Sie sich Geiger schon als Kinofilm vorgestellt?

 Ja. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich die Geschichte für einen Film, eine Fernsehserie oder ein Buch verwenden würde. Letztendlich habe ich mich für das Buchformat entschieden, um mehr Kontrolle über die Geschichte zu haben – weil sie mir so wichtig war. Und jetzt sind die Film- bzw. Fernsehrechte an eine britische Firma verkauft und es wird hoffentlich eine Fernsehserie daraus entstehen.

Gab es Filme oder Bücher, die Sie besonders inspiriert haben?

Zum einen die ganze Fachliteratur, die ich zu diesem Thema gelesen habe. Die geheime Spionagewelt des Kalten Krieges hat mich extrem fasziniert und die strikte Teilung der Welt damals war so dramatisch.

Was die fiktive Literatur betrifft, da ist natürlich JOHN LE CARRÉ zu nennen.

Geiger ist als Trilogie angelegt, wir können uns also auf zwei weitere spannende Bücher freuen. Haben Sie bereits alle Entwicklungen geplant oder können auch für Sie noch neue Wendungen beim Schreiben entstehen?

Ich plane die Bücher sehr sorgfältig, aber während des Schreibens der Kapitel ergeben sich immer neue Wendungen und manchmal sind diese Ideen die besten. Den ersten Entwurf schreibe ich dann viele Male um und jede Überarbeitung bringt neue Ideen hervor, um die ich mich dann kümmern muss.

 

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