Jörg Diehl, Roman Lehberger, Fidelius Schmid: Undercover – Ein V-Mann packt aus

Undercover

Gastbeitrag: Ulrich Steiner

Die Geschichte von Deutschlands Top-V-Mann „Murat Cem“ eröffnet Einblicke in kriminelle und terroristische Milieus die man so nicht für möglich gehalten hätte. Ein junger Türke übernimmt fast 20 Jahre lang die Informationsbeschaffung für die Polizei in brisanten Fällen, bei denen die Ermittler nicht weiterkommen. Den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 hätte „VP01“ gerne verhindert, aber der Staatsschutz hat seine eigenen Regeln. Im Januar 2018 bekommt SPIEGEL-Redakteur Jörg Diehl eine Mail von „VP01“, der will sein Vermächtnis in die Öffentlichkeit bringen. Gemeinsam mit seinen beiden Journalisten-Kollegen Roman Lehberger und Fidelius Schmid folgt eine einjährige Interview- und Recherchezeit, das Ergebnis ist das Buch über den vermutlich erfolgreichsten Polizeispitzel der deutschen Kriminalgeschichte.

Jörg Diehl
Foto: Marcus Simaitis

Jörg Diehl, geboren 1977, studierte Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft. Nach Stationen bei der »Rheinischen Post«, der Deutschen Presse-Agentur, dem Westdeutschen Rundfunk, Norddeutschen Rundfunk, »Bild« und »Bild am Sonntag« arbeitet er seit 2007 für den SPIEGEL, unter anderem als NRW-Korrespondent, Chefreporter und Leiter eines Investigativ-Teams. Seit Juni 2019 leitet er das Ressort Deutschland/Panorama. Diehl ist Autor des 2013 erschienenen Bestsellers »Rockerkrieg. Warum Hells Angels und Bandidos immer gefährlicher werden«.

Roman Lehberger
Foto: Marcus Simaitisl

Roman Lehberger, geboren 1984, studierte Medienwissenschaft, Politik und Anglistik in Trier und Cleveland, Ohio. Nach Stationen bei Focus TV und CNN war er von 2011 bis 2018 Reporter beim SPIEGEL TV Magazin. Nach einem Jahr als Reporter im Investigativ-Team von SPIEGEL ONLINE wechselte er im Oktober 2019 ins Ressort Deutschland/Panorama des SPIEGEL. Lehberger schreibt vor allem zu den Themen Kriminalität, Extremismus und Geheimdienste.

Fidelius Schmid
Foto: Marcus Simaitis

Fidelius Schmid, geboren 1975, studierte Volks- und Betriebswirtschaft in Hamburg, Sydney und Paris. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Von 2003 bis 2010 war er bei der »Financial Times Deutschland«, zunächst in Frankfurt, dann als Korrespondent für Außen- und Sicherheitspolitik in Brüssel. Nach einer Zwischenstation beim »Handelsblatt« wechselte er 2012 zum SPIEGEL. Er schreibt dort vorrangig über Spione und Terroristen. Schmid ist Autor des Buchs »Gottes schwarze Kasse. Der Papst und die zwielichtigen Geschäfte der Vatikanbank« (2013)

 

Als Sohn türkischer Gastarbeiter wächst Murat Cem in einem Problemviertel irgendwo in Nordrhein-Westfalen auf. Namen und bestimmte Orte müssen in dem Buch aus Sicherheitsgründen geändert werden oder unscharf bleiben. Die frühe kriminelle Karriere bringt Murat in Konflikt mit der Polizei, was für andere das Ende wäre, ist für ihn der Anfang einer neuen Karriere, als Vertrauensperson „VP“. Sehr detailreich und flüssig lesbar schildern die drei Autoren den Werdegang als Polizeispitzel, eingebettet in private und familiäre Probleme.

Wer schon immer wissen wollte wie es um die konkreten die Einkommensverhältnisse eines V-Manns bestellt ist, der bekommt dazu viele Beispiele im Rahmen der verschiedenen Einsätze. Die Erfolge von Murat Cem, die vor allem seiner persönlichen Fähigkeiten im Kontaktknüpfen geschuldet sind, lassen ihn zum Informationsbeschaffer in immer heikleren Fällen heranreifen. Der Schwerpunkt des Buchs ist das tiefe Eintauchen in die Salafistenszene und damit auch in die Kreise von Dschihadisten. Die Spiegel-Redakteure lassen gerade hier viel Hintergrundwissen aus der Zeit in Deutschland und den Nachbarländern einfließen, als der islamistische Terror seine bisherigen Höhepunkte in Europa hatte.

Der Anschlag vom Breitscheidplatz

Als Murat Cem in Kontakt mit dem Terroristen Anis Amri kommt, beginnen investigative Einblicke in Zusammenhänge, die der Leser bislang bestenfalls in Meldungen oder Einzelepisoden aus den Medien kennt. Hier wird die Geschichte detailreich und chronologisch erzählt. Der Terroranschlag wurde nicht verhindert, die Hintergründe zum Warum bekommen aus dem Blickwinkel von VP01 eine ganz eigene Brisanz.

Auch das berufliche und familiäre Geschehen für Murat Cem findet bis zum Redaktionsschluss des Buchs noch kein Happy End. Ohne den Einsatz von V-Leuten geraten deutsche Sicherheitsbehörden in bestimmten Milieus schnell an ihre ermittlungstaktischen Grenzen. Dennoch ist die „Vertrauensperson“ kein Beruf im eigentlichen Sinne, von der gesetzlichen Grauzone ganz abgesehen. Murat wäre gerne weiter als VP01 im Einsatz, jetzt lebt er im Zeugenschutz.

Deutsche Verlags-Anstalt, SPIEGEL-Buch, Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten, ISBN: 978-3-421-04865-3, 20,- Euro

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