Barracoon, Zora Neale Hurston

Der Sklavenhandel war ein Millionengeschäft. Afrikaner wurden gegen ihren Willen gefangen, verschifft, versklavt, geschunden und oft zu Tode geprügelt. So manches Mal aus reinem Vergnügen vergewaltigt und geschlagen, denn sie waren weniger Wert als Tiere, die afrikanischen Sklaven. Selbst nachdem 1807 Großbritannien und ein Jahr später die USA den internationalen Menschenhandel mit Afrika abgeschafft hatte, wurden weitere sechzig Jahre etwa 3,9 Millionen Afrikaner verschleppt.

Mit dem letzten amerikanischen Seelenverkäufer der Clotilda kam Oluale Kossola 1860, mit neunzehn Jahren nach Amerika und für fünf Jahre in die Sklaverei. Erst mit sechsundachtzig Jahren erzählt er 1931 der afroamerikanischen Autorin und Anthropologin Zora Neale Hurston sein Leben. Es ist ein ganz erstaunliches historisches Dokument. Denn es fängt nicht nur authentisch sein Leben ein, sondern auch seine Gefühle. Es beleuchtet vor allem, was Afrikaner ihrem eigenen Volk antaten, wenn sie Menschen jagten und an die weißen Händler in die Sklaverei verkauften. Ein bewegendes Buch, das ein zusätzliches, neues Licht auf die Sklaverei wirft, das auch für mich nicht so klar war. Vor allem ist es ein bewegendes Zeugnis eines jungen Mannes, der von seiner Familie brutal getrennt wurde und seine Heimat nie wieder sehen durfte.

So alt und doch so aktuell in unserer Zeit der Zwangsmigrationen. Denn ob man verschleppt wird oder von Bomben davon läuft, ist am Ende völlig egal.

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Zora Neale Hurston (1891-1960), ist eine der wichtigsten afroamerikanischen Autorinnen des vergangenen Jahrhunderts. Zu ihren bekanntesten Werken zählt der Roman „Their Eyes Were Watching God“ („Vor ihren Augen sahen sie Gott“), der 1937 erschien und 2005 von „Time Magazine“ unter die 100 besten englischsprachigen Romane nach dem Ersten Weltkrieg gewählt wurde.

 

Bei seinem Stamm ist Kossola noch kein Mann, er hat nur den ersten Einweihungsritus erhalten, als sein Volk auf unmenschlich brutale Weise überfallen wird. Von seinen Landsleuten einem reichen anderen Stamm, der davon lebt, Menschen an Weiße zu verkaufen. Obwohl der Sklavenhandel mit Afrikanern offiziell eingestellt ist, blüht das Geschäft weiter. Wo Nachfrage ist, wir ein Markt geschaffen. So ist der neunzehnjährige Kossola fast noch ein Kind, als er in den Barracoons, den Sklavenbaracken der afrikanischen Küste landet. Mit nur wenigen aus seinem Dorf beginnt ein Leben, das er bisher nicht kannte. Eine Fahrt über ein Meer, das er bisher nie sah, unter Deck zusammengepfercht, nackt und hungrig. Dabei ist der Anblick, der abgeschlagenen Köpfe der Alten und Kinder des Dorfes noch in seinem Kopf. Nur die jungen Männer und Frauen wurden verkauft. So landet er nach einer langen Überfahrt in Mobile Alabama. Fünf Jahre wird er zur Sklavenarbeit gezwungen, bis der Bürgerkrieg beendet ist und er ein freier Mann wird. Doch was bedeutet frei, wenn die in Amerika geborenen Sklaven, die Afrikaner als Wilde bezeichnen. Über sein weiteres Leben, mit seiner Frau und seinen sechs Kindern, den Schicksalsschläge in seiner Familie, berichtete Kossola, der mittlerweile Cudjo Lewis genannt wird, der Autorin. Er spricht in seinen Worten, mit seiner speziellen Sicht der Dinge, vom Leben, dem Sterben, der Liebe und der unendlichen Sehnsucht nach Afrikaland.

So wie Oluale Kossola werden sich heutzutage viele Flüchtlinge fühlen, die ihre geliebte Heimat verlassen müssen, weil der sichere Tod dort auf sie wartet. Ob sie eines Tages zurückkehren können, ist genauso fragwürdig.

Ein alte Geschichte, aber ein aktuelles gutes Buch, von dem man viel lernen kann.

Barracoon, Zora Neale Hurston, Penguin, Hardcover, 221 Seiten, ISBN 978-3-328-60130-2, Euro 20,00.

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