Über den Tellerrand, Was Kinder hier und anderswo Essen, Fotoband mit Text, Gregg Segal

Ein erstaunlich schönes und kluges Buch. Denn Kinder aus aller Welt mit ihren wöchentlichen Nahrungsmitteln zu fotografieren, spricht eine viel eindeutigere Sprache, als über das Problem gesunderer Welternährung zu referieren.

Gregg Segal der Fotograf sollte deshalb hier selbst zu Wort kommen. Zitat:

»Im Verlauf unserer Arbeit an »Über den Tellerrand« konnte ich mit eigenen Augen sehen, dass Hunger und Fettsucht nicht automatisch mit Armut oder Reichtum zu tun haben. Sehr oft sind es bloß die zwei Seiten derselben Medaille: Unterernährte und Übergewichtige haben dasselbe Problem – den fehlenden Zugang zu gesunden Lebensmitteln. Das hat dazu geführt, dass viele Regionen, in denen noch vor einer Generation Hunger und Unterernährung herrschten, mittlerweile unter einer rapide steigenden Zahl von Übergewichtigen leiden…«

Fotocopyright: Privat

Gregg Segal, geboren in Ridgewood NY, studierte Fotografie und Film am California Institute of the Arts, Drehbuchschreiben an der New York University und Erziehungswissenschaften an der University of Southern California. Für seine Fotografien wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seine Porträtfotografien und Fotoessays erscheinen unter anderem in Time, GEO, The Independent, Le Monde, Stern, National Geographic. Gregg Segal lebt mit seiner Frau, Sohn und Hund in Altadena, Kalifornien.

Fotocopyright für die drei Fotos mit Textstellen: Gregg Segal © Gabriel Verlag

Eine geniale Idee, Kinder aus ganz verschiedenen Ländern und Schichten nach ihrem Wochenspeiseplan zu fragen. Eine Woche schrieben sie alles auf, was sie gegessen hatten und wurden dann zusammen mit diesen Lebensmitteln fotografiert. Dazu gab es eine kurze Vita und etwas mehr über die Kinder zu erfahren.

Es ist nicht nur ein Bildband, von dem man über die unterschieliche Essgewohnheiten in der Welt erfährt. Man lernt auch ein bisschen das Leben von Kindern in den verschiedenen Winkeln unserer Erde kennen. Ihre Vorlieben, Wünsche, Träume und Idole. Vor allem aber ihre Vorlieben für Essen. Und eines wird in dem Buch ganz klar: Erreichen Junkfood, Snacks und Süßigkeiten Kinder, dann ist es egal, wo sie auf der Welt leben, sie werden es essen und das besonders gerne. Denn Zucker und Fett suggerieren schon den kleinen Körpern Wohlbefinden.

So konnte ich auch nur bei zweien der zweiundfünfzig fotografierten Kinder aus verschiedenen Ländern und Schichten keine Süßigkeiten oder produzierte Snacks auf dem Speiseplan finden. Einmal bei Kawakanih vom Stamm der Yawalapiti tief im brasilianischen Regenwald, etwa einunddreißig Reisestunden von der Hauptstadt entfernt. Und bei Ademilos Francisco dos Santos, der in einer abgelegenen Gemeinde mit 300 Familien lebt, zweihundert Kilometer von der nächsten Stadt entfernt und in der Regenzeit völlig abgeschnitten.

So spricht der Fotograf in seinem Nachwort Klartext darüber, was die Großproduzenten von Süßigkeiten und Snacks sich alles einfallen lassen, um ihre Schokoriegel und Chips auch in den letzten entlegenen Dörfern auf der Welt zu distribuieren. Er kritisiert, dass die UN im Kampf gegen Hunger sich immer noch hauptsächlich nach der täglich zu sich genommene Kalorienmenge richtet, anstatt sich die Zusammensetzung der Nährstoffe anzusehen. Denn Kalorien haben nichts mit der Qualität von Nahrungsmitteln zu tun. Und vergessen wir nicht, unserer Kinder sind die gesunden oder kranken Menschen der Zukunft.

Ein ganz tolles Buch für einen guten Preis. Es macht einfach Spaß darin zu schmökern. Die großartigen Fotografien und Texte bieten viel Anreiz, über das Thema globale Ernährung einmal nachzudenken und vielleicht gleich bei sich und den Kindern etwas zu ändern.

Über den Tellerrand, was Kinder hier und anderswo essen, Gregg Segal, Thienemann-Esslinger Verlag, großformatiger Foto- und Textband, Seiten 120, ISBN 978-3-52230-552-5, Euro 20,00.

 

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