Die Verlassenen, Matthias Jügler

Die Verlassenen von Matthias Juegler

Zitat: „Je mehr ich über meinen Vater nachdachte, desto überzeugter wurde ich, dass etwas ganz Grundlegendes mit ihm nicht stimmte, als wäre irgendetwas an ihm in Unordnung geraten und nie wieder zurechtgerückt worden.“

Das denkt der dreizehnjährige Johannes, nachdem ihn sein Vater mit den Worten, Mach’s gut, Jung, einfach verlässt. Er bleibt zurück bei der Großmutter, die sich ebenfalls in Schweigen hüllt. Mit fünf verlor das Kind seine Mutter, angeblich durch einen Herzinfarkt und sein Vater zieht ihn überfordert und schweigsam groß. Zum Glück gab es Vaters Freund Wolfgang, der immer etwas Freude in seine Kindheit brachte. Doch auch er verschwindet plötzlich. Ohne Eltern lebt er mit einer gütigen Großmutter, bis auch sie stirbt, kurz bevor Johannes vor dem Abitur steht.

Seine traurige so eigenartige Kindheit hinterlässt tiefe Verletzungen und Probleme in Johannes. Auch als er eine Beziehung eingeht und selbst Vater wird, ist sein Leben ein Drahtseilakt der Gefühle und Verwirrungen. Erst als er einen Brief in den Büchern seines Vaters findet, den Vater kurz vor seinem Verschwinden erhielt, wird ihm das Ausmaß der Tragödie seiner Familie klar.

Ein bewegendes, mit unterschwelliger Wut erzähltes Buch, die man gegen Ende des Buchs versteht. Es geht um Opfer und Täter und ein Kind, das mitten in das irrsinnige politische Konstrukt einer langsam zerfallenden DDR gerät. Sehr zu empfehlen!

Fotocopyright Melina Mörsdorf

Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle/Saale, studierte Skandinavistik und Kunstgeschichte in Greifswald sowie Oslo und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für seinen Debütroman »Raubfischen« (2015) erhielt er eine Reihe von Auszeichnungen. Er lebt mit seiner Familie in Leipzig, wo er auch als freier Lektor arbeitet.

 

Johannes Wagner ist ein Einzelgänger, findet keine Freunde, will keinen Anschluss an Cliquen. Er geht durchs Leben, als würde er auf rohen Eiern laufen. Selbst seine Freundin und spätere Frau wirkt wie ein Fremdkörper auf ihn. Doch eigentlich sind seine Traurigkeit, die Depression und das fehlende Vertrauen in Menschen nur verständlich. Mit fünf verliert er seine geliebte Mutter, angeblich durch einen Herzinfarkt. Sein Vater verändert sich an dem Tag und wird nie mehr so, wie er mal war. Melancholisch und schweigsam erzieht er seinen Sohn, ohne das Kind überhaupt zu sehen. Nur Wolfgang, der Freund seines Vaters bringt etwas Freude in das Leben des kleinen Jungen. Doch plötzlich verschwindet auch Wolfgang. Doch damit nicht genug der Schicksalsschläge, denn als Johannes dreizehn ist, geht auch sein Vater ohne eine Erklärung für immer. So bleibt er bei seiner Oma, die ihm wenigstens etwas Liebe gibt. Erst Jahre später, als er selbst ein Kind erwartet, stößt Johannes in den alten Büchern seines Vaters durch Zufall auf einen Brief. Und plötzlich versteht er, dass nichts seine Schuld war. Das Kind Johannes wurde nicht von seiner Mutter und dem Vater verlassen, weil es ungewollt und ungeliebt war. Es gibt einen Menschen, der an schlimmen Ereignissen seiner Kindheit und damit seines missglücktem Leben schuld ist. So macht Johannes sich auf nach Norwegen, um alles zu verstehen und den Täter zu stellen.

Es ist wirklich traurig zu lesen, wie das Unglück einer Kindheit, deinen Erwachsenen prägt und für immer emotional behindert. Doch dann zu lesen, was eigentlich dahinter steckt, macht wütend und man begleitet voller Befriedigung Johannes Rachefeldzug. Jedoch auf der letzten Seite überrascht Johannes den Leser wieder und trotzdem bleibt ein sehr gutes Gefühl am Ende der Geschichte zurück.

Sehr lesenswert, denn der Protagonist ist erst acht Jahre alt, als die Mauer fiel und dennoch prägte ihn dieser untergehende Staat für immer. Es ist ein Buch, das durch seine begrenzte Seitenzahl kaum aus der Hand gelegt werden muss. Der Autor treibt einen weiter und man hört nicht auf zu lesen, bis man alles verstanden hat.

Die Verlassenen, Matthias Jügler, Penguin Verlag, gebundenes Buch, Seiten 176, ISBN 978-3-328-60161-6, Euro 18,00.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.