Unter der Erde, Stephan Ludwig

Stephan Ludwig bekannt durch seine Serie um den Kriminalhauptkommissar Claudius Zorn hat sich an einen Standalone Thriller gemacht.

Unter der Erde beginnt atmosphärisch unglaublich stark. Die Beschreibungen des kleinen Dorfs im Osten in der Nähe des Tagebaus und ihre merkwürdigen Bewohner sind filmreif. Sie stehen dem Leser direkt vor Augen, man kann sie sehen, riechen und fühlen. Auch dem Protagonisten, eher ein Antiheld, glaubt man jedes Wort und jeden Gedanken. So wird der Leser langsam selbst ein Teil der Ortschaft Volkow und ist mitten im Geschehen. Auch die Erzählung, die uns dann in den Nachkriegswinter 1946 in das russische Gefangenenlager führt, ist sehr realistisch und daher sehr brutal. Doch plötzlich, als es um die Auflösung der geheimnisvollen Machenschaften in Volkow geht, driftet Stephan Ludwig ab und erlaubt sich ein wenig Klamauk.

Ein zwar ungewöhnlicher Thriller, doch garantiert spannend und am Ende kann man beim Blut aufwischen auch gehörig schmunzeln.

Fotocopyright: Stefan Gelberg

Stephan Ludwig sollte Musiker werden. Als Kind lernte er Violine, als Jugendlicher Kontrabass. Er spielte in Orchestern, später in einer Punkband. 2012 erschien der erste von bisher neun Thrillern um die Kommissare Zorn und Schröder. Nach einem missglückten Kurztripp in die Lausitz, der mit einer Autopanne im Tagebaugebiet endete, beschloss er, einmal etwas anderes zu schreiben. »Unter der Erde« ist das Ergebnis. Stephan Ludwig arbeitete als Theatertechniker, Musiker und Rundfunkproduzent. Er hat drei Töchter, einen Sohn und keine Katze.
Zum Schreiben kam er durch eine zufällige Verkettung ungeplanter Umstände. Er lebt und raucht in Halle.

Elias ist ein mittelmäßig begabter Schriftsteller von Horror- und Fantasieliteratur. Als er von seinem Großvater, den er mehr als dreißig Jahre nicht gesehen hat, zum neunzigsten Geburtstag eingeladen wird, ist das eine große Überraschung. Denn nach dem Selbstmord seiner Mutter wurde der damals fünfjährige Elias von seinem Opa in ein Kinderheim abgeschoben. Er hat kaum noch Erinnerungen an diese Zeit. Dennoch entscheidet er sich dafür nach Volkow in den tiefsten Osten zu fahren, um am Geburtstag seines Großvaters teilzunehmen.

Allein die Fahrt ist schon abenteuerlich, da es den Eindruck macht, Volkow liege am Ende der Welt. Und kurz vor dem Dorf hat Elias dann noch einen Unfall, der ihn mit einer Gehirnerschütterung und einem kaputten Wagen dort stranden lässt.

Mit den mysteriösen Worten, dass Großvater Wilhelm Elias am nächsten Morgen etwas Wichtiges mitteilen muss, verabschiedet sich der alte Mann ins Bett. Nur am anderen Morgen ist Wilhelm tot. Obwohl es gemäß des Nachbarn Doktor Stahl ein Herzversagen ist, lässt Kommissar Kolberg, der auch in dem Dorf wohnt, die Leiche in die Pathologie bringen. Als der Kommissar endlich einen natürlichen Tod bestätigt, will Elias nichts wie weg von Volkow. Denn das triste Haus seines Großvaters, die Kindheitserinnerungen, die ihn plötzlich wie Blitze treffen und die Einwohner von Volkow und deren Kampfhunde laden nicht zum Verweilen ein. Doch ohne sein Auto, das repariert werden muss, kommt er dort nicht weg. Als er dann einen Anruf bekommt, in dem er gewarnt wird so schnell wie möglich zu verschwinden, ist Elias bereit sich ein Taxi zu rufen. Doch in dem Moment ist es schon zu spät. Die Ereignisse überschlagen sich, beginnend mit dem Einsturz der Kirch durch ein Beben, das vom Tagebau kommt und enorme Risse über den Friedhof zieht. Bis hin zu einer halbverhungernden Frau, der man das Ohr abgeschnitten hat und die plötzlich aus der Tiefe gekommen vor Elias steht.

Die Beschreibungen des Dorfes, des alten Gefangenenlagers, des verfallenen Spaßbads und den Nöten der Kriegsgefangenen im Winter 1946, sind einfach nur stark. Man lebt und leidet mit und steht immer irgendwie neben den Protagonisten. Umso erstaunlicher ist dann der Wechsel in die abstrusen, fast komödiantischen Szenen am Ende des Thrillers.

Keine Frage, es ist definitiv gute Unterhaltung!

Unter der Erde, Stephan Ludwig, Fischer Scherz, broschiert, Seiten 395, ISBN 978-3-651-00078-0, Euro 14,99 Euro.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.