Sie weiß nicht, wer sie ist, er schon. Ein Survival-Thriller zwischen tödlicher Natur und wissenschaftlichem Ehrgeiz. Mit „Die Gejagte“ legt René Anour einen spannungsgeladenen Thriller vor, der seine Hauptfigur Jess ohne Erinnerung, verletzt und in Handschellen mitten im Dschungel erwachen lässt. In unmittelbarer Nähe befinden sich ein schwer verletzter Mann und die Spuren eines Flugzeugabsturzes. Bevor Jess ihre Lage begreifen kann, wird aus der Hoffnung auf Rettung eine gnadenlose Verfolgungsjagd. Von diesem Moment an verbindet der Roman das Rätsel um ihre Vergangenheit mit einem kompromisslosen Kampf ums Überleben.
Autorenfoto: Copyright ® Reinhard Reidinger
René Anour studierte Veterinärmedizin und promovierte im Bereich Pathophysiologie, wobei ihn ein Forschungsaufenthalt bis an die Harvard Medical School führte. Inzwischen ist er als Experte für neu entwickelte Medikamente für die European Medicines Agency tätig. Als Autor ist er sowohl mit Krimis als auch mit Sachbüchern erfolgreich.
Bei René Anours Buch „Die Gejagte“ geht es um den Überlebenskampf einer dschungelerfahrenen Biologin, Jess, die nach einem Flugzeugabsturz mitten im Dschungel ohne Hilfsmittel versucht, wieder zurück in die Zivilisation zu finden. Leider wird sie dabei noch von einem tödlichen Gegner gejagt. Wie belastbar ist der Mensch oder verlässt einen der Mut und die Zuversicht? Die eindrucksvolle Darstellung der gefährlichen Tierwelt führt selbst den Leser in den Dschungel. Überall unter Blättern, auf dem Boden, im Wasser lauern unsichtbare Gefahren, ob Riesenameisen, Schlangen, Zitteraale, Piranhas oder Raubtiere. Zugleich bieten Flora und Fauna Hinweise auf Nahrung und Schutz. Die Protagonistin Jess muss ständig ihre Umgebung beobachten und bewerten. Ihre biologischen Kenntnisse verschaffen ihr einen Vorteil, verhindern jedoch nie vollständig das Gefühl, dass ein einziger Fehltritt tödlich enden könnte. Die wissenschaftlichen Details sind verständlich in die Handlung eingebunden und verstärken die Spannung, anstatt sie auszubremsen. Die Suche nach neuen Medikamenten gibt dem Survival-Abenteuer eine zusätzliche, gesellschaftlich relevante Ebene. Die außergewöhnliche Artenvielfalt des Regenwaldes erscheint als möglicher Schlüssel zu neuen Wirkstoffen und Therapien. Damit stellt der Roman wichtige Fragen: Wem gehört biologisches Wissen? Wie lassen sich Forschungsinteresse, Schutz der Natur und wirtschaftliche Verwertung miteinander vereinbaren? Und wann wird der Wunsch, Krankheiten zu behandeln, zum Vorwand für Rücksichtslosigkeit? Anour macht plausibel, dass medizinischer Fortschritt Hoffnung bedeutet, aber auch Begehrlichkeiten weckt. Besonders gelungen ist, dass diese Forschungsthematik nicht nur Hintergrundwissen liefert, sondern eng mit Jess’ Vergangenheit und der Verfolgung verknüpft ist. Wer sich nicht selbst in den Dschungel traut, kann in diesem Buch tief in ihn eintreten. Ein hochspannender Survival-Thriller, erster Güte.
Private Anmerkung des Rezensenten: Durch eine persönliche Verbindung nach Kolumbien hatte ich Gelegenheit, den Amazonas-Regenwald selbst zu erleben. Kolumbien hat große Teile seiner Dschungelgebiete bereits vor langer Zeit zu Nationalparks erklärt. Für uns gab es dort eine einfache Unterkunft: Pfahlbauten ohne Luxus und mit Gemeinschaftstoiletten. Diese Unterkünfte wurden bewusst in den Nationalparks errichtet, um den Regenwald vor unerwünschten Eindringlingen zu schützen. Besonders positiv fiel mir die konsequenteste Mülltrennung auf, die ich je erlebt habe: Sämtliche Abfälle mussten wieder aus dem Dschungel hinausgebracht werden. Ja, das ist in Kolumbien. Ich war während der Trockenzeit am Amazonas; an dieser Stelle war der Fluss mit etwa 1 bis 1,5 Kilometern bereits beeindruckend breit – eine gewaltige, braune und undurchsichtige Wassermasse. In der Regenzeit soll er sich dort auf bis zu vier Kilometer ausdehnen. Deshalb waren alle Wege erhöht angelegt, sodass wir uns sicher bewegen konnten. Zugleich wurden wir davor gewarnt, die Geländer zu berühren, da Kriechtiere wie Echsen, Spinnen, Ameisen und andere Insekten darunter Schutz vor dem Hochwasser suchen. Der Aufenthalt im Amazonasgebiet war eine außergewöhnlich intensive Erfahrung. Dadurch konnte ich die Wahrnehmung der Protagonistin besonders gut nachvollziehen. Auch wenn der Dschungel gefährlich und unwirtlich erscheint, kann man ihn mit der Beachtung klarer Verhaltensregeln durchaus mit Freude und Abenteuerlust erleben.
Die Gejagte, René Anour, Heyne, ISBN978-3-453-44389, Paperback, Klappenbroschur, Seiten 399, € 17,00, erschienen 12.8.2026.