Sam Kean „Geschichte zum Anfassen“, Von Azteken bis Wikinger: Wie experimentelle Archäologie vergangene Welten zum Leben erwecken

„Archäologie ist mehr als graben. Wenn sie wirklich erklären will, wie der Alltag früher aussah, muss sie sich den Erfahrungen der Menschen widmen.“ Sam Kean

Die experimentelle Archäologie hat den Vorteil, dass sie archäologische Funde und Theorien praktisch versucht nachzumachen und damit überprüfbar sind. Statt sich nur auf Vermutungen und Annahmen zu stützen, versuchen experimentelle Archäologen, Werkzeuge, Gebäude und Boote mit den damals vorhandenen Mitteln und Möglichkeiten nachzubauen oder wie bei den Polynesiern die Erfahrung mit dem Schiffsbau und der Navigation nachzufahren, die riesige Ausdehnung zu erfahren. Sam Kean hat vieles im Selbstversuch miterlebt. Er hat die Länder bereist, versucht, bei den Einheimischen die noch vorhandenen Techniken zu lernen und selbst zu erleben. Daraus ist die „Geschichte zum Anfassen“ herausgekommen. Dieses Buch wurde kurz nach der Veröffentlichung in New York von der New York Times als eines der zehn meist erwarteten Bücher ausgezeichnet und gehörte sofort zu den besten einundzwanzig.

Autorenfoto: Copyright ® privat

Sam Kean studierte Physik und Englisch an der University of Minnesota und arbeitete u.a. für das New York Times Magazine als Wissenschaftsjournalist. Er ist mehrfacher New York Times Bestsellerautor und Host seines Podcasts „The Disappearing Spoon“. In seinen Büchern bringt der Autor den Lesern wissenschaftliche Entdeckungen im erzählenden Stil näher. Seine Arbeiten sind u.a. in The Best American Science and Nature Writing, The New Yorker und Atlantic erschienen. „Science Friday“, Royal Society und The Guardian haben verschiedene Titel von Kean zu ihren TOP-Büchern des Jahres erklärt.

Sam Keans „Geschichte zum Anfassen“ hat mich vor allem deshalb überzeugt, weil das Buch Geschichte nicht als etwas Abgeschlossenes behandelt, das nur in Vitrinen, Fachbüchern oder Ausgrabungsberichten existiert. Sam Kean zeigt, dass Vergangenheit auch körperlich erfahrbar sein kann: durch Ausprobieren, Nachbauen, Scheitern und erneutes Versuchen. Genau darin liegt für mich die besondere Stärke des Buches. Zumal er alle in seinem Buch beschriebenen Versuche im Selbstversuch erlebt hat. Seine Kombination von wissenschaftlicher Arbeit und Erklärung, mit amüsanten Unterbrechungen, wie die Menschen, dargestellt mit fiktiven Personen, das Leben gemeistert haben. Diese eingefügten Geschichten sind immer eine gute Einstimmung auf die jeweilige Zeit und Situation. Besonders spannend finde ich den Schwerpunkt auf experimenteller Archäologie. Anstatt nur darüber zu schreiben, wie Menschen früher gelebt haben könnten, begleitet Kean Forscherinnen, Forscher und Praktiker dabei, alte Techniken selbst auszuprobieren: vom Bau historischer Werkzeuge über das Kochen nach alten Methoden bis hin zu Rekonstruktionen von Bauweisen, Waffen, Booten oder Alltagsgegenständen. Dadurch wird deutlich, dass archäologische Erkenntnis nicht allein aus Funden entsteht, sondern auch aus der Frage, wie diese Dinge tatsächlich benutzt wurden. Sam Kean zeigt in seinem Buch, dass Geschichte nicht nur aus Daten, Herrschernamen und Ereignissen besteht, sondern aus Menschen, die mit ihren Händen gearbeitet, Probleme gelöst und ihre Umwelt gestaltet haben. „Geschichte zum Anfassen“ macht deutlich, warum experimentelle Archäologie so wertvoll ist. Viel Freude an dieser gelungenen Aufarbeitung der Geschichte.

„Geschichte zum Anfassen“, Sam Kean, Penguin Verlag, ISBN: 978-3-328-11423-9, Paperback, Klappenbroschur, Seiten 624, € 20,00, erschienen Juli 2026.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert