
Wenn’s Lischd ned ogehd, mussde an de Stromkasde unn gugge, ob de FI-Schalder nausgefloche is, unn wenner nausgefloche is, mechsden widder nei, do gehd’s Lischd widdero!
Die Ratschläge des Großvaters, als Alexandra ein kleines Mädchen war, klingen in ihr nach, weil der Opa ganz begeistert war von FI-Schaltern und natürlich Tschikago, wo er fast einmal hin ausgewandert wäre. Aber nur fast. Die Großmutter, die regelmäßig die Augen verdreht, wenn er damit anfängt, und von der Seite raunzt: Doch ned widder der Scheiß! Dabei herzt sie ihre Katzen, die immer wieder bei ihr landen, genau wie sie alle tierischen Streuner durchfüttert bei ihren Spaziergängen. Ihre Großeltern bewohnen eine bescheidene, alte Wohnung über den Räumen des Gesangsvereins, mit einem Badezimmerfenster Richtung Radweg am Main, auf dem der Großvater immer raus zum Schrebergarten fuhr. Einfache Menschen und doch so typisch in dem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt. Eine Oma und ein Opa, Kriegsgeneration, schrullig, liebevoll, deren wahres Inneres, ihre Wünsche, Verluste oder Bedauern im Leben nie wirklich ausgesprochen wurden.
Als Enkelchen genießt man diese bedingungslose Blase voll Liebe, mit der uns solche Großeltern umgeben, und als Teenager und junge Erwachsene vergisst man, Oma und Opa nach den wichtigen Dingen in ihrem Leben zu fragen, weil man so mit sich selbst beschäftigt ist. Bis es eines Tages zu spät ist. Bis Demenz oder der Tod diese geliebten Menschen von einem reißt. Die Autorin beschreibt ihre Großeltern mit Liebe und auch sehr viel Humor, und irgendwie kennt man das auch von der eigenen Familie. Als Ihr Großvater stirbt und sie merkt, wie viel sie eigentlich noch mit ihm besprechen wollte und sich fragt, ob er sich selbst einsam fühlte, fasst sie einen Entschluss. Sie geht mehrmals die Woche in ein Altenheim in Berlin, um bei genau solchen, einsamen Menschen zu sein. Sie will mit ihnen sprechen sie zu Wort kommen lassen, um zu erfahren, wer und was sie waren und wie sie ihr Leben selbst resümieren, wenn sie noch dazu in der Lage sind.
Ein Drittel des Buches ist unheimlich stark geschrieben, da ist man als Leser bei jedem Wort bei der Autorin. Und sie schreibt wirklich authentisch und lebendig, wenn sie über ihre geliebten Großeltern berichtet. Schon für dieses Drittel, ist es wert, das Buch zu kaufen. Es ist herrlich mitfühlend, anrührend und ausgesprochen witzig. Der zweite Teil des Buches kommt nicht an die Geschichte der Großeltern heran, doch das kann man der Autorin nachsehen. Sie erzählt in dem Buchausschnitt, die zum Teil sehr unvollständigen Geschichten von sehr alten, teilweise verwirrten Menschen, die sie eigentlich nicht kennt. Und das merkt man: Auch wenn sie diesen Senioren im Heim nähersteht, als es manchmal die eigenen Verwandten tun, kennt sie diese alten Menschen nicht wirklich. Dennoch ist Tschikago ein sehr schönes Buch über alte Leute, die selbst einmal blutjung waren und Träumen, der Liebe und dem Glück nachjagten, bis das Leben und vor allem das Alter sie einholte. Es war ein emotionales Vergnügen, dieses kleine Buch zu lesen!
Autorinnenfoto: Copyright ® Cat Pfeiffer
Alexandra Stahl, 1986 geboren, ist freie Schriftstellerin und Journalistin. Sie hat Amerikanistik, Englische Literaturwissenschaft und Geschichte an der Universität Würzburg studiert und danach lange für die Deutsche Presse-Agentur gearbeitet. Sie schreibt Prosa, Essays und Reisereportagen, die vielfach ausgezeichnet wurden.
Werbetext Claasen Verlag:
Frangfodd is schlimmer als Tschikago!
Mit dieser Warnung des Großvaters, der fast Amerikaner geworden wäre, aber doch Elektriker in Unterfranken blieb, wächst die Ich-Erzählerin auf. Ihre Großmutter hat es mit Katzen und Puppen, ihr Großvater hält sich an Steckdosen und Kabel. Auch wenn die beiden zanken wie Laurel und Hardy – sie verbindet diese eine Art von Liebe, die siebenundfünfzig Jahre hält.
Als der Großvater stirbt, beginnt die Erzählerin als Freiwillige in einem Berliner Seniorenheim – ohne zu ahnen, wie sehr ihre alte und ihre neue Welt zusammengehören. Frau Bellmann, die Wasserratte vom Werbellinsee. Herr Uhlig, der Träumer, der Schach mit der dänischen Königin spielen will. Frau Schubert mit ihrem scheuen Lächeln.
Mit scharfem Blick und großem Herz erzählt Alexandra Stahl vom Älterwerden. Von den Dingen, an die man nicht denkt, bis sie passieren. Und von den Dingen, an die man nicht denken will, bis sie passieren. Ein atemberaubend zärtliches Buch über unsere Vergänglichkeit und das Abschiednehmen – und darüber, was wir festhalten können, wenn alles andere verschwindet.
Tschikago, Alexandra Stahl, Claasen Verlag, Hardcover, Seiten 272, ISBN 978-3-5461-0163-9, Buch Euro 25,00, erschienen heute 30.07. 2026.