Schlagwort: sehr lerreich auf vielen Ebenen

Deichrebellen, Nikola Huppertz, Kinder-Jugendbuch ab 10 Jahren

Was mir bei diesem besonderen Kinderbuch als Erstes zu Herzen ging, war der Stil. Es erinnert an die ganz großen Kinderbücher, wie „Emil und die Detektive“ oder „Das doppelte Lottchen“. Dass Erich Kästner Pate gestanden hat bei den Deichrebellen, merkt man einfach. Denn die Autorin begibt sich als Erzählerin auf die Ebene der kleinen Leser und berichtet als allwissendende Autorin, was in diesen kalten Wintertagen am Deich alles passiert. Auch die Protagonisten, der kranke Ludwig, und auch die etwas verrückte Moria, haben mit den beiden Kindern, aus Kästners legendärem Kinderbuch „Pünktchen und Anton“, gewisse Ähnlichkeiten.

Nikola Huppertz zaubert mit den Deichrebellen eine moderne, aber dennoch warme Geschichte über Kinder, die sich einfach in der heutigen Welt verlieren. Ludwig flüchtet sich in Rückzug und Krankheit, während Moria zu viel grübelt und sehr schwermütig wird. Doch die winterliche Nordsee, Freundschaft und bodenständige, liebevolle Erwachsene helfen ihnen auf dem Weg zurück. Und darum geht es im Einzelnen: Ludwig hat schon viel zu lange eine schlimme Bronchitis, die vielleicht nur mit einem Aufenthalt an der Nordsee ausgeheilt werden kann. So bringt ihn seine Mutter in das alte Sielwärterhäuschen zu ihrer langjährigen Freundin Uta und ihrem Mann Bernhardt. Dort schläft Ludwig zu seinem Entsetzen in einem Schrankbett, einer Alkove, hat keine Internetverbindung, um Minecraft zu spielen, und findet das graue Meer, an dem es ununterbrochen regnet, eigentlich nur schrecklich. Doch Uta, die seine Oma sein könnte, schleppt ihn zu täglichen Spaziergängen an den Strand. Bernhard, noch älter als Uta, ist eine Leseratte und führt Ludwig mit dem allabendlichen Vorlesen langsam an Autoren der Weltliteratur heran. So weiß Ludwig bald, wer Emily Brontë und ihr Roman „Sturmhöhe“ ist, weil Cathy in dem Buch ja auch in einem Schrankbett schläft. Wer Thomas Mann und sein Hans Castorp sind, der ja eigentlich nur einen Freund in der Lungenklinik, dem „Zauberberg“, besuchen will, aber selbst lungenkrank wird und hustet wie unser Ludwig. Die schönste Begegnung aber hat Ludwig, als er Moria, die eigentlich Meike heißt, trifft und beide richtig gute Freunde werden. Auch wenn Moria völlig verrückte Ideen hat. Doch schon bald brauchen die beiden einander mehr, als sie denken, und dann ist da noch das vermaledeite Bauprojekt, das Reemersiel für immer verändern würde. In der Hinsicht gibt es Arbeit, denn das wollen die beiden unbedingt verhindern. Ludwig, Moria und das Schaf 1899 werden zu den Deichrebellen und dabei plötzlich gesund an Körper und Seele.

Ich habe es so sehr genossen, das Buch zu lesen. Die wunderschönen literarischen, doch kindgerechten Erklärungen von Bernhard, der gegenüber Moria sogar seinen „John Maynard“ von Theodor Fontane mit Inbrunst verteidigt. Die ostfriesischen Gerichte, die im warmen, vom Kamin erleuchteten Sielwärterhäuschen serviert werden. Das tägliche Prüfen des Sieltores, die Erläuterungen zur Tide und den Deichen. Auch die Erwachsenen in den Deichrebellen sind Erich Kästners Protagonisten sehr ähnlich. Denn fast alle sind warmherzige, vernünftige Menschen, die versuchen, ihre Kinder einfach nur zu lieben. Ein Bravo von mir, denn dieses Kinderbuch kommt an die wirklich ganz großen Bücher in diesem Bereich heran. Es ist liebevoll, sehr klug und es gibt Kindern nicht nur Mut, sondern vielleicht auch eine gewisse Lust auf Literatur mit. Das Wichtigste ist jedoch, dass die Kleinen merken, wie wichtig Freundschaft und die Natur sind.

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