In „Heldinnen, Herrscherinnen, Heilige“ untersucht die britische Kulturhistorikerin Janina Ramirez, wie reale Frauen vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert zu Bausteinen europäischer Nationalmythen wurden. Dabei erzählt sie nicht einfach bekannte Lebensgeschichten nach. Sie zeigt, wie spätere Generationen Biografien umdeuteten, romantisierten oder für politische und religiöse Zwecke zurechtbogen. Aus widersprüchlichen Persönlichkeiten wurden dadurch scheinbar eindeutige Sinnbilder für Reinheit, Opferbereitschaft, Frömmigkeit oder Macht. Besprochen wurden solche Persönlichkeiten wie Johanna von Orléans, Lady Godiva, Isabella von Kastilien, Katharina von Siena, Adelheid von Burgund, Lola Montez.
Autorinnenfoto: Copyright Lawrence Looi / 2023
Prof. Dr. Janina Ramirez, geboren 1980, ist Kulturhistorikerin, Literatur-Sprachwissenschaftlerin. Nach ihrer Promotion über Kunst, Literatur und Kultur des angelsächsischen Englands arbeitete sie als Dozentin und Forscherin an der Universität Oxford. Als BBC-Sprecherin und Autorin von zahlreichen Fachartikeln und Sachbüchern vermittelt sie ihre umfangreiche Expertise und begeistert regelmäßig ein großes Publikum. Ihr letztes Buch „Femina“, eine neue Geschichte des Mittelalters aus Sicht der Frauen (2022), wurde zu einem internationalen Erfolg.
Besonders interessant an dem Buch finde ich, dass Janina Ramirez mit einem doppelten Blick auf die Figuren sieht. Sie sieht nicht nur das Überlieferte, was sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert hat. Ramirez rekonstruiert einerseits die Lebenswege der Frauen und verfolgt andererseits, was die Nachwelt aus ihnen gemacht hat. So wird Geschichte als ein Prozess sichtbar, in dem Erinnerung aktiv geformt wird. Besonders überzeugend ist die Verbindung von Biografie, Kunst-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Ramirez liest nicht nur Chroniken, sondern bezieht auch Bilder, Legenden, Objekte und spätere Darstellungen ein. Dadurch erklärt sie anschaulich, weshalb bestimmte Versionen einer Geschichte im kollektiven Gedächtnis haften bleiben. Es ist spannend und für mich aufklärend zu lesen und die Sichtweisen von Janina Ramirez klingen plausibel, auch wenn sie zum Teil nicht nachweisbar sind. Intrigen, Machtkämpfe und religiöse Konflikte werden aus der überlieferten Geschichte spannend wiedergegeben. Interessant ist auch, dass Janina Ramirez sich auf die starken Frauen konzentriert und sie nicht an die Seite, zu der Zeit, berühmter Männer gestellt hat. Aufgrund der gut erzählten und ergänzten Biografien, mit kritischer Analyse der Mythenbildung kann ich das Buch nur empfehlen. Eine neue Sichtweise auf die starken Frauen in unserer europäischen Geschichte.
„Heldinnen, Herrscherinnen, Heilige“, Janina Ramirez, Siedler Verlag, ISBN: 978-3-8275-0216-2, Hardcover mit Schutzumschlag, Seiten 544, € 28,00, erschienen 29.August 2026.