Schlagwort: Prägung für ein Leben

»Mutti komma ans Fenster!«, eine Arbeiterkindheit im Ruhrgebiet, Ulrich Schneider

Ulrich Schneider und ich sind fast der gleiche Jahrgang. Er geboren und aufgewachsen in Oberhausen, ich in der anderen Wiege des Ruhrpotts, Castrop-Rauxel, etwa dreißig Kilometer entfernt, dazwischen nur Herne, Wanne-Eickel und Gelsenkirchen. »Datt isset getz auch nich, datt läufse auf ’ner halben Backe ab«, hätte mein Oppa gesacht!

Daher muss ich zugeben, war das Buch ›Mutti, komm ans Fenster‹ eine liebenswerte Reise durch meine eigene Jugend. Denn so unterschiedlich sind Ulrich Schneider und ich nicht aufgewachsen. Aber nicht nur als Ruhri verliebt man sich in das Buch. Es ist so herzenswarm und solidarisch geschrieben, dass einem das Herz einfach aufgehen muss. Dabei ist die erzählte Arbeiterkindheit aus dem Ruhrgebiet auch sehr politisch. Denn die damalige sehr arme Gemeinschaft der Kollegen aus dem Pütt war eine Arbeitergemeinschaft und die meisten hatten ein Parteibuch der SPD, so auch mein Vater. Auch er ging mit meinem Opa und meinem Onkel so lange in die Zeche, wie es ging, danach zu Perlite.

Und genau diese Gemeinschaft, der tiefe Zusammenhalt von Familie und Verwandten, prägte das Leben im Ruhrgebiet. Kinderferien von der Kirche organisiert, Familienurlaub im Sauerland und an Karneval wurde bei der Verwandtschaft in Köln aufgeschlagen, denn die hatte Fenster zum Zuch raus. Als Kinder spielte man auf der Straße in Gruppen von bis zu fünfzehn Kindern. Da war der Željko, der jugoslawische Nachbarjunge, von dem mein Papa Pate war genauso mit dabei, wie die Zwillinge der Zizewitz und die Nichte von Frau Kupschick, die den Kaufladen hatte. Eines der zwölf Kinder aus der sozial schwachen Familie in der Nebenstraße, mit den Kaninchenställen im Garten war auch immer mit dabei. Wir Kinder waren sonntagsmorgens mit unseren Oppas beim Frühshoppen in der Kneipe und bekamen eine Limo und Nüsse aus dem Automaten in zu Schalen gebogenen Bierdeckeln. Sie sehen, auch ich hätte den ersten Teil des Buches schreiben können, so sehr ähneln sich unsere Kindheiten.

Aber und jetzt kommt das Wichtigste: Was solch eine Kindheit mit einem gemacht hat, das vermochte nur Ulrich Schneider richtig zu analysieren. Denn er hat seine Kindheit nie, wie ich im Übrigen auch nicht, als eine Kindheit in Armut gesehen. Wir alle hatten wenig Geld, aber das war normal. Man half sich und man darf nicht vergessen: 1963, ging es nur sehr, sehr wenigen arbeitenden Menschen bereits gut. Alle knabberten noch an den Nachkriegsjahren und das Wirtschaftswunder stand allen noch bevor. Es gab noch keine Konsumindustrie, die sich um Abibälle, Kindergeburtstage und Valentinstage etabliert hatte. Klassenfahrten endeten an der Mosel, im Hunsrück und das natürlich in Jugendherbergen, deren Küchen recht mager und die Toiletten dafür recht deftig stanken. Skifreizeiten in Ischgl mussten noch nicht finanziert werden für Achtklässler. Man war sich seiner Klasse bewusst, man wusste, wo man als Arbeiter hingehörte, man half sich gegenseitig und war stolz auf das Anpacken. Im Gegenteil, es wurden Witze über Sesselfurzer  und Bürohengste gemacht, weil die gar nicht wussten, was harte Arbeit bedeute. Vielleicht erinnern Sie sich: Damals war der Beruf des LKW-Fahrers ein sehr angesehener Beruf, man war stolz darauf, herumzukommen, auch in andere Länder. Das Ruhrgebiet war eine Hochburg der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie.

Es dauerte, bis die Wohlstands- und Leistungsgesellschaft anfing, auf die Ärmsten herabzuschauen und diese im besten Falle zu verwalten, anstatt sie aus der Armut zu befreien. Und in diesem Sinne ging es weiter, unter Schröder und allem, was danach folgt, denn den ärmsten der Armen wurde ab einem gewissen Punkt der humanitäre Anspruch auf Hilfe aberkannt. Denn die Diffamierung der Ärmsten war der Schritt, der für alles, was folgte, wie Hartz IV, die Voraussetzung. Und eine Frau von der Leyen hat dieses Konzept dann bis in die EU getragen. Leider denken heute noch viele Menschen, dass ein bedingungsloses Einkommen ein Einfallstor für die Faulheit ist, dabei wäre es eine Lösung aus der Armut. Denn die meisten Menschen wollen ihr Geld bekommen für die Arbeit, die sie leisten. Die meisten Menschen haben ihren Stolz und freuen sich nach getaner Arbeit nicht nur über ihren Lohn, sondern auch über das, was sie geschaffen haben. Doch wenn man in der modernen Zeit den Arbeitern alles nimmt, was sie stolz macht, wie soll dann eine solidarische Demokratie funktionieren? Nicht mit den zwanzig Prozent, die immer wieder die Sahne abschöpfen und manches Mal gar nicht wissen, wohin sie mit dem Geld sollen. So viel verdienen sie.

In seinem letzten Kapitel, ›Die große Krise und das soziale Versagen einer Republik‹, fasst Ulrich Schneider die Misere zusammen. Denn wir leben in einen modernen Staat, in Deutschland! In dem mehr als 14 Millionen arme Menschen leben, öffentliche Speisungen wie nach dem Krieg, kehrte in Form der Tafel zurück. Und das, während die Reichen immer zahlreicher und immer reicher wurden. Und wenn man fünfundzwanzig Jahre als Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes gearbeitete hat, weiß man, wovon man spricht, wenn es um Armut geht.

Ein großartiges eher liebevolles als wütendes Buch, das mich tief berührt hat.

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