Die Natur lesen und unsere Welt besser verstehen – ein Wanderführer ohne Wege, dafür mit offenen Augen auf Bäume und Landschaft.
Manchmal glaubt man, einen Wald zu kennen, weil man mit ihm aufgewachsen ist. Bei mir ist das tatsächlich so. Ich bin als Förstersohn im Forsthaus groß geworden. Bäume, Waldwege, unterschiedliche Baumarten und die vielen kleinen Veränderungen in der Natur gehörten für mich von Kindesbeinen an ganz selbstverständlich zum Leben. Der Wald war kein fremder Ort, den man erst entdecken musste – er war ein Stück Heimat. Umso spannender war für mich die Lektüre von Tristan Gooleys „Die Landkarte der Bäume“. Denn dieses Buch hat mir etwas gezeigt, was ich eigentlich schon immer vor Augen hatte. Man kann einen Wald sehr gut kennen und trotzdem noch unglaublich viel über ihn lernen.
Autorenfoto: Copyright ® Jim Holden
Tristan Gooley ist preisgekrönter und internationaler Bestsellerautor. Mit seiner Arbeit, seinen Reisen und seiner Lehrtätigkeit hat er die fast vergessene Kunst der natürlichen Navigation neu belebt und wieder zugänglich gemacht. Er ist der einzige lebende Mensch, der sowohl fliegend als auch segelnd allein den Atlantik überquert hat. Neben den Gegenden seiner Heimat hat er auch einige der entlegensten Regionen der Erde erkundet und ist dort mit Stammesvölkern gewandert, hat mit ihnen gelebt und ihre Lebensweisen studiert.
Foto der Übersetzerin: Copyright ® Thomas Kohl
Sofia Blind lebt als Autorin, Übersetzerin und Gärtnerin im Lahntal. Bei DuMont erschienen zuletzt ihre Bücher „Worte, die es nicht auf Hochdeutsch gibt“ (2019), „Die alten Obstsorten“ (2020) und „Historische Rosen“ (2023). Außerdem übersetzt sie u.a. die Werke von John Lewis-Stempel und Nigel Slater ins Deutsche.
Gooley lädt dazu ein, Bäume nicht einfach nur anzusehen, sondern sie zu lesen. Ihre Formen, ihre Rinde, die Stellung der Äste, das Wachstum, das Licht, das sie suchen, die Spuren von Wind und Wetter – all das kann zu einer Art Landkarte werden. Bäume erzählen von ihrer Umgebung, von den Bedingungen, unter denen sie wachsen, und manchmal sogar davon, was in ihrer unmittelbaren Umgebung verborgen liegt. Gerade das hat mich fasziniert. Viele Dinge, die ich als Kind im Wald gesehen und vielleicht intuitiv wahrgenommen habe, bekommen durch Gooleys Erklärungen plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Er macht aus scheinbar alltäglichen Beobachtungen kleine Entdeckungen. Der Wald wird dadurch zu einem lebendigen Buch, in dem man lesen lernen kann. Besonders schön finde ich, dass Gooley dabei nicht mit erhobenem Zeigefinger schreibt. Er vermittelt Wissen auf eine neugierige, beinahe abenteuerliche Art und weckt den Wunsch, beim nächsten Spaziergang genauer hinzuschauen. Plötzlich betrachtet man eine Baumkrone anders, achtet auf die Wuchsrichtung oder fragt sich, warum ein Baum gerade an dieser Stelle so und nicht anders gewachsen ist. Für mich war dieses Buch deshalb eine ganz besondere Lektüre. Als Förstersohn und jemand, der im Forsthaus aufgewachsen ist, dachte ich zunächst, dass mir der Wald nicht mehr allzu viele Geheimnisse zu erzählen hätte. Tristan Gooley hat mich eines Besseren belehrt. „Die Landkarte der Bäume“ ist kein Buch, das man einfach liest und anschließend ins Regal stellt. Es verändert den Blick auf den nächsten Waldspaziergang. Man geht hinaus und schaut genauer hin – und entdeckt plötzlich Dinge, die vorher zwar da waren, die man aber nicht wirklich „gelesen“ hat. Ein wunderbares Buch für alle, die den Wald lieben. Und für Menschen wie mich, vielleicht sogar eine besonders schöne Erkenntnis: Man kann mit dem Wald aufgewachsen sein und ihn trotzdem immer wieder neu entdecken.
Die Landkarte der Bäume, Tristan Gooley, Dumont, ISBN: 978-3-7558-0094-1, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Seiten 352, € 25,00, erschienen 06.10.2026.