Tom Saller hat einen sehr warmen Stil, eine Geschichte zu schreiben. Er ist als Autor neutral, weckt aber in seinem Roman ›Und Hedi springt‹ tiefe Gefühle beim Leser. Vor allem bei einer Frau wie mir, die in den Sechzigern geboren wurde, und die als emanzipierte Frau durchs Leben gehen durfte. Jedoch wurde ich von meiner Großmutter erzogen, die nur unmerklich älter war als Hedi. Von ihr weiß ich, wie alleinstehende Mütter, Menschen mit anderer Hautfarbe und sexuellen Präferenzen von der Gesellschaft und besonders den Männern dieser Zeit unterjocht wurden. Und die junge Hedi, ein Flüchtlingsmädchen, die Kriegsende alle Menschen verloren hat, lässt sich auf einen jungen Burschen ein. Hans schwängert sie und haut ab. Sich alleine durchzuschlagen, gleicht einer Sisyphus-Arbeit. Denn die bigotte Moral, die noch aus Nazi-Zeiten nachwirkte, die Religion und vor allem der Egoismus, wenn es um das letzte Stück Brot geht, helfen Hedi nicht. Es sind die Ausgegrenzten, mit denen Hedi sich ein Leben aufbaut, mit denen sie Liebe und Wärme erfährt und so ihren Sohn Sigi großzieht. Doch immer wenn man glaubt, es geschafft zu haben, dreht sich das Rad des Lebens weiter. Plötzlich steht Hans, der Vater ihres Sohnes, wieder vor der Tür und führt sich auf, als hätte er Rechte.
Viel mehr will ich an dieser Stelle gar nicht verraten. Der Roman ist eine gute Mischung aus der Lebensgeschichte eines Flüchtlingsmädchens in den letzten Kriegswirren, dem Hungerwinter 1946/47 und dem Wirtschaftswunder, das durch die interessante Geschichte des Hosen-Königs Alfons Müller-Wipperfürth, erzählt wird. In dieser Zeit behauptet sich Hedi und findet ihren harten Weg, für sich und ihren Sohn!