
Oscar Wilde war wohl der berühmteste schwule Autor seiner Zeit (1854–1900). Ein Vorreiter, der seine sexuelle Neigung, als so normal ansah, wie wir es heute tun. Der für seine Homosexualität ins Gefängnis musste und trotz seiner vielen Erfolge danach verarmt und von der Gesellschaft geächtet in Paris starb. Aber Wilde war wesentlich komplexer, nicht nur der arme, geniale, schwule Autor, dem so viel Unrecht angetan wurde. Er war auch ein Provokant, arrogant im Umgang mit fast jeder Person, aber besonders der sogenannten englischen Gesellschaft. Und leider war er recht rücksichtslos gegenüber den Menschen, die ihn liebten, was früher oder später zu seiner Vereinsamung und Mittellosigkeit führte. Mit Zitaten wie: »Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.« Oder: »Wenn mir die Menschen zustimmen, habe ich immer das Gefühl, ich müsse falschliegen.« Und: »Man solle seinen Feinden immer vergeben, denn nichts ärgere sie so sehr.«Daran merkt man schon, wie dieser brillante Schriftsteller durchs Leben ging.
Was mir so gut gefällt, ist, dass genau dieser Mensch in der Graphic Novel so gezeichnet wurde. Man ist als Leser nicht immer auf der Seite des eleganten Lebemanns, besonders wenn man die Sicht seiner Ehefrau einnimmt. Daher kann man es nicht anders sagen: Tommaso Vitiello hat seinem Wilde die richtigen Worte in den Mund gelegt und die Illustratorin Licia Cascione zeichnet den teils naiven, recht selbstsüchtigen, aber dennoch zutiefst verletzlichen Schönling so, wie ich mir Oscar Wilde immer vorgestellt habe.
Eine tolle Comic-Biografie oder Graphic Novel, um etwas über Oscar Wildes Leben und Werk zu erfahren. Und vielleicht bekommt man Lust, auch mal eines seiner Werke, wie zum Beispiel ›Das Bildnis des Dorian Gray‹, zu lesen.

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Tommaso Vitiello schreibt Drehbücher, Comic-Biografien, Theaterstücke und Dialoge für Videospiele. Sein erstes Werk, La casa delle meraviglie, wurde 2008 beim Lucca Project Contest als Finalist ausgezeichnet. 2019 gewinnt er für I Gallagher den Boscarato-Preis auf dem Treviso Comic Book Festival für den besten Webcomic. Er unterrichtet Kreatives Schreiben. Wyllow ist Maler, Illustrator und Comic-Autor. In Frankreich hat er bereits an zahlreichen Comicserien mitgearbeitet. Seine bevorzugten Themen sind die Natur und Märchen, die er in der Kombination verschiedener Techniken wie Tempera, Acryl, Aquarell und Öl umsetzt.

Foto der Illustratorin: Copyright kein Credit
Licia Cascione, geboren 1995, studierte an der Accademia di Belle Arti in Bari und an der Grafite, einer Schule für Comics und Illustration. Seit ihrem Masterabschluss in Filmszenografie arbeitet sie zwischen Self-Publishing und Wettbewerben sowohl an eigenen Comics als auch als Koloristin für Cartoons und versucht, mit Metern von Washi-Tape alles irgendwie zusammenzuhalten.
Wenn eine Graphic Novel die Emotionen so gut erfasst, wie diese über Oscar Wilde, dann ist es schon etwas Besonderes. Denn so wie er beschrieben wurde, wäre man ihm gerne, in illustrer Gesellschaft mit seinem zynischen Charme begegnet und hätte sich auf kluge Wortgefechte eingelassen. Sich an ihm in Liebe zu verlieren, wäre sowohl für eine Frau als auch für einen Mann fatal geworden, denn Genies sind immer anstrengend und fast immer egozentrisch. Etwas, das das Buch ebenfalls recht gut ausarbeitet, ist, dass Wilde an seiner Misere zu großen Teilen selbst Schuld hatte. Hätte er im ›Viktorianischen Zeitalter‹ ein wenig mehr Zurückhaltung geübt, kleine Brötchen gebacken, wie man so sagt, wäre er bestimmt nicht so hart bestraft worden. Denn die Menschen erkannten sein Genie, und ich denke, man hätte ihn stillschweigend gelassen, wie er war, wenn er nicht aus seiner Person einen selbstherrlichen Zirkus veranstaltet hätte. Vielleicht war es für Wilde aber ein Muss, so aufzutreten, um seine verletzliche Seele zu schützen.
Sie sehen, liebe Leser, die Comic-Biografie macht einfach Spaß und regt zum Denken, Nachschlagen und Recherchieren über Oscar Wildes Leben an.
Werbetext Knesebeck:
Zwischen Glanz und Abgrund – ein Leben wie ein Theaterstück
Eine vielschichtige Graphic Novel-Biografie über Identität, Kunstfreiheit und eine Ikone der queeren Geschichte. Dichter, Dramatiker, Dandy: Oscar Wilde war eine der schillerndsten Figuren des späten 19. Jahrhunderts – gefeiert für seinen Witz, seine messerscharfen Dialoge und seine Brillanz, verfolgt für seine Andersartigkeit. Diese Graphic Novel wirft einen Blick hinter die Fassade und erzählt die Lebensgeschichte eines Schriftstellers, dessen wahres Ich sich oft hinter Ironie, Provokation und ästhetischer Überhöhung verbarg.
Im Mittelpunkt stehen nicht allein Wildes literarische Werke wie Das Bildnis des Dorian Gray oder Die Wichtigkeit, ernst zu sein, sondern seine Beziehungen, Leidenschaften und inneren Konflikte. Seine Liebe, sein Begehren und seine Weigerung, sich gesellschaftlichen Normen zu unterwerfen, machen ihn zur Zielscheibe eines repressiven Systems – mit tragischen Konsequenzen. Diese eindrucksvolle Graphic Novel beleuchtet zentrale Themen wie Schönheitsideale, Rollenbilder, Männlichkeit und die politische Unterdrückung sexueller Minderheiten. Mit emotionaler Tiefe und historischer Sensibilität zeichnet sie das Porträt eines Mannes, der heute als Ikone der LGBTQ+-Community gilt – und dessen Geschichte aktueller ist denn je. Eine moderne Comic-Biografie über Selbstbestimmung, Anpassung und den hohen Preis, den es kosten kann, man selbst zu sein.
Comic-Biografie/Graphic Novel, Oscar Wilde, Knesebeck Verlag, gebundenes Buch und durchweg farbig illustriert, Seiten 128, ISBN 978-3-98962-020-9, 25,00 Euro, erschienen 26.02.2026.