
Fabio Andina hat einen außergewöhnlich interessanten Schreibstil, der mich schon in seinem Buch ›Davongekommen‹ völlig fasziniert hat. In seinem neuen Roman erzählt er eine aufwühlende, berührende und mitnehmende Geschichte derart unaufgeregt, dass man versucht ist, es als alltägliche fast profane Erzählung zu verstehen. Nur ist sie das ganz und gar nicht, weder für die beiden Protagonisten noch ihre Familie, dem Dorf und vor allem nicht für den Leser. Denn als Leser steckt man in den Schuhen des Schreiners Giuseppe, bemüht, die Unbegreiflichkeit des Geschehens zu verstehen, bevor man sich darin machtlos ergeben muss.
Giuseppe ist ein guter Kerl, er hat zwei kleine Kinder, eine glückliche Ehe mit Concetta und wunderbare Eltern und Schwiegereltern. Trotz der harten Zeiten im Jahr 1944 versuchen sie, in ihrem kleinen italienischen Dorf an der Grenze zur Schweiz das Beste aus dem Leben zu machen. Auch wenn Giuseppe sich eigentlich aus der Politik heraushält, so hilft er doch jüdischen Flüchtlingen für etwas Geld über den Fluss in die Schweiz. Bis er denunziert wird und die SS ihn verschleppt. Nur auf Strümpfen wird er vom Mittagstisch weggezerrt. Und dann beginnt die Erzählung, sich in zwei immer wechselnden Strängen, aus Giuseppes und Concettas Erleben der Situation zu teilen. Sechzehn Monate dauert ihr Martyrium. ›Sechzehn Monate‹, so heißt auch dieses kleine, erstaunliche Buch.
Es ist kein Wunder, dass diese Erzählung mit dem Schweizer Literaturpreis 2025 ausgezeichnet wurde. Es ist ein literarischer Schatz, mit einer Geschichte, die ans Herz geht und den Geist schärft, verpackt in einem außergewöhnlichen Schreibstil. Fabio Andina ist für mich einer der bemerkenswertesten zeitgenössischen Autoren in Europa!
Autorenfoto: Copyright ® Malik Andina
Fabio Andina, geboren 1972 in Lugano, studierte Filmwissenschaften und Drehbuch in San Francisco. Heute lebt er im Bleniotal. Sein Roman Tage mit Felice erschien 2020 auf Deutsch, wurde mehrfach ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt. 2021 folgten der zweisprachige Prosaband Tessiner Horizonte – Momenti Ticinesi (mit Zeichnungen von Lorenzo Custer) und 2023 der Roman Davonkommen, der die Vorgeschichte des namenlosen Erzählers von Tage mit Felice enthüllt. Auf Italienisch liegt zudem der Erzählband Sei tu, Ticino? vor. fabioandina.com
Natürlich weiß Giuseppe, wie gefährlich es ist, Juden zur Flucht zu verhelfen. Und trotzdem, dass die Deutschen bereits im Dorf patrouillieren und die italienischen Faschisten auf alles ein Auge haben, muss ein Mann tun, was er tun muss. Bis es zu spät ist. Ausgerechnet einer der Leute im Dorf, seinesgleichen, denunziert ihn. Die qualvolle, schmerzhafte Reise durch verschiedene italienische Gefängnisse bringt ihn bis ins Konzentrationslager Mauthausen. Sein Beruf rettet ihm wahrscheinlich sein Leben, denn nur durch seine Fähigkeiten bekommt er für die Aufseher einen Wert. Währenddessen muss seine Frau Concetta mit den Kindern und den alten Eltern das Haus verlassen und hoch oben im Wald in einer ehemaligen Scheune hausen. Und der Winter 44/45 wird besonders bitter. Die Liebe zueinander stellt die Hoffnung auf eine große Probe, dennoch verliert weder Giuseppe noch Concetta den Glauben an ein Wiedersehen.
Mal fließt die Geschichte als Erzählung, mal in Briefform und führt uns Leser tief in die unmenschliche Welt des deutschen Faschismus und der ebenso unmenschlichen italienischen Schwarzhemden. Basierend auf den Erlebnissen seiner Großeltern hat Fabio Andina einen außergewöhnlichen Roman geschrieben!
Sechzehn Monate, Fabio Andina, Rotpunkverlag, gebundene Ausgabe, Seiten 216, ISBN 978-3-03973-052-0, Euro 25,–, April 2025, übersetzt von Karin Diemerling.