Das Online-Magazin aus Eschborn am Taunus
22.02.2012
Eine Rezension unserer Leserin Ulrike Bolte
Eingebettet in die Restaurationszeit und das England des 17. Jahrhunderts unter Charles II. spinnt Kathleen Winsor in ihrem Roman „Amber“ um eine vermeintlich große Liebe mit ihrer Protagonistin ein Netz von eiskalter Berechnung, Niederlagen, Schicksalsfügungen, Intrigen und Affären auf dem Weg zur Anpassung an Leben und Ritualen einer saturierten königlichen Hofgesellschaft auf der Suche nach immer neuen Kicks und Zerstreuungen.
Die 16-jährige Amber St. Clare fängt ganz unten an, sie folgt Lord Carlton aus der Provinz in das aufregende Stadtleben Londons, landet im Schuldgefängnis, heiratet dreimal, um sich und ihren Kindern Geld, Rang und Namen zu verschaffen, überlebt die verheerende Pestepidemie und den katastrophalen Brand von London 1665, um als Mätresse Charles II. ihren eigenen „Hofstaat“ innerhalb des Hofes zu etablieren.
Dieser Hof ist geprägt durch Bestechlichkeit, Erpressung, aber auch durch die Identitätsaneignung einer anderen Person durch spielerische Verkleidung und ein ausgeprägtes Sexleben. Der Roman besticht durch gegensätzliche Örtlichkeiten wie Land – Stadt, Gefängnis – königlicher Hofstaat, England und seine überseeischen Kolonien im Kampf oder Einverträglichkeit mit Frankreich und Holland um die Vorherrschaft auf den Weltmeeren.
Die Autorin überrascht zuweilen durch ein profundes Detailwissen wie z. B. dass Kinder nur bis zum Alter von 3 Jahren kindliche Kleidung trugen, danach wie kleine Erwachsene gekleidet waren, die genaue Beschreibung der Pest und wohin die verängstigten Massen beim großen Brand flohen – beides geschuldet den Tagebüchern von Samuel Pepys sowie den über 350 Büchern, die Winsor nach eigenen Angaben für ihre Recherchen gelesen hat.
Wer einen opulenten Historienschmöker erwartet, ist mit diesem Buch bestens bedient. Doch ein Roman lebt nicht nur durch die Detailtreue historischer Fakten, sondern auch durch die Entwicklung seiner Charaktere: Amber beginnt als ehrgeizige, eigenständige Persönlichkeit, der man durchaus positive Seiten abgewinnen kann, die durch die Brutalität des Kampfes um Aufstieg, Macht und Reichtum immer oberflächlicher und unsympathischer wird. Am Ende wird Amber Opfer ihrer eigenen Intrigenwirtschaft und entschließt sich, ein neues Leben in Übersee zu beginnen, so dass der angestrengt-erstaunte Leser nur noch ausrufen kann „Nicht noch einmal“ – u. a. in der Annahme, dass sie ihre angeborene Liebenswürdigkeit den gesellschaftlich erworbenen Normen in der Verheißung Amerika nicht opfern muss.
Der Roman erschien 1944 und verkaufte sich innerhalb der ersten Woche 100000 Mal – ein Bestseller, wie ihn Winsor mit 18 Jahren zu schreiben beschloss. 1947 verfilmte Otto Preminger den Stoff der 1919 in Olivia, Minnesota geborenen Autorin, die 2003 in New York starb. Bis jetzt wurden 3 Millionen Exemplare gekauft, die von Kritikern sogar das englische „Vom Winde verweht“ genannt wurden. Bei der Erstpublikation hat der Staatsanwalt von Massachusetts vor Gericht die 7 Abtreibungen und 39 unehelichen Schwangerschaften im Buch beanstandet, das von den Behörden Bostons wegen „Obszönität und Anstößigkeit“ verboten wurde.
Kathleen Winsor Amber, Unionsverlag Zürich 2011, 794 Seiten, ISBN 978-3-293-20535-2, 12,90 Euro
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