Fiona Jeffries: Wir haben nichts zu verlieren außer unsere Angst. Vom Widerstand in schwierigen Zeiten

Der Widerstand in schwierigen Zeiten war schon immer mutig und vor allem wichtig. Gerade jetzt befinden wir uns wieder in einer globalen Krise, die weitschürfende Veränderungen bewirkt kann. Die Zeiten des Aufbruchs in mehr Solidarität, Toleranz und Globalisierung scheinen vorbei zu sein. Jetzt reagieren nicht nur die diktatorisch, despotischen Regierungen mit strengerer Sparpolitik auf Krisen, sie stocken zur gleichen Zeit wieder die Etats fürs Hochrüsten der „öffentlichen Sicherheit“ auf. Die Welt hat mehr Migranten, die ihre Heimatländer verlassen als je zuvor. Das alles macht Angst!

Wirklich? Oder ist die Angst, den eigenen sozialen Status zu verlieren, arbeitslos oder sogar obdachlos zu werden, die Angst vor der Zukunft nur ein Mittel zum Zweck, um die Bürger klein und ruhig zu halten? Wird Angst als Waffe missbraucht, um Kontrolle zu behalten?

Diese Frage stellt Fiona Jeffries acht Experten in ihrem hervorragenden, klugen und vor allem interessanten Buch. Ein Augenöffner für alle, die Angst um die Welt haben, die den besonderen Kick brauchen, wieder auf die Straße zu gehen und „Nein“ zu sagen. Wir bestimmen unsere Welt unsere Gesellschaft und eigentlich haben wir nichts zu verlieren. Außer unsere Angst!

Fotocopyright: Shannon Harris

Fiona Jeffries, geboren 1968 in Vancouver, promovierte Kommunikationswissen-schaftlerin, befasst sich als Autorin, Dozentin und Aktivistin mit den Themen Gewaltfreiheit, Recht auf Stadt und globale soziale Gerechtigkeit. Darüber hinaus engagiert sie sich in alternativen Medien-projekten. In Kanada lehrt sie an der Carleton University im Programm zur Förderung der Menschenrechte, zudem ist sie Gastwissenschaftlerin im Centre for Policy Studies on Culture and Communities der Simon Fraser University. Fiona Jeffries lebt in Ottawa.

Fiona Jeffries Gesprächspartner sind Deutsche, Iren, Amerikaner, Guatemalteken, Mexikaner, Italiener und Kanadier. Fast alle haben eines gemeinsam, sie sind allesamt Aktivisten und auch Migranten, denn die meisten leben schon lange nicht mehr in ihrem Geburtsland. Doch außer Aktivisten sind sie auch Autoren, Sozialtheoretiker, Professoren der Soziologie, Anthropologie, Historiker, Publizisten und Philosophen; ergo eine Ansammlung kluger, engagierter Menschen.

Die Grundthemen der Diskussionen in Jeffries Buch sind:

  • Widerstand in Zeiten der Schamlosigkeit von rassistischen und antisemitischen Äußerungen, erneute Homophobie und Antifeminismus. Sowie die atemberaubenden Art und Weise, wie despotische Politiker mit Brutalität angeben können, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.
  • Erinnerungen an den Widerstand, von der Hexenverfolgung bis zum Altermondialismus. Der historische Prozess der Enteignung der Natur, der Tiere, der Kinder, der Frauen und letztendlich des Menschen durch die Herrschenden. Alternativen der Angst die Stirn zu bieten.
  • Schauplätze und Gegenschauplätze der Angst anhand der Entwicklung der Sklaverei, der Handelsmarine, der Piraterie und Arbeiteraufstände in der früheren Neuzeit. Gedanken zu öffentlichen Hinrichtungen und der Verschleierung der Mächtigen über ihr tun. Wie auch noch heute gewaltsame Enteignungen weltweit unvermindert stattfinden und das Wachstum von Slums am Rand von Megastädten treibt.
  • Die Angst der eigentlichen Machthaber, die ihre Macht bedroht sehen und daher diese Angst nach außen kehren und zur kollektiven Angst machen. Die Ängste vor dem Sichtbaren und Unsichtbaren, sowie den Krisenzyklen.
  • Schrecken und Gnade an Grenzen und wie die Migrationspolitik zum Paradoxon wird in Zeiten immer offener Märkte und immer dichteren Grenzen.
  • Die Risse im System. Wie die wachsende Verschuldung und die legere Kreditvergabe Angst schüren und das Schuldensystem auf Androhung von Gewalt basiert. Denn Streiks und Hypotheken sind für viele nicht vereinbar und machen Arbeitern eine Heidenangst. Wie wir die Welt unter dem Aspekt des eigenen Handelns betrachten sollten.
  • Feminismus und die Zapatistische Befreiungsarmee.
  • Politischer Mut und die seltsame Resilienz der Hoffnung.

Das Buch ist ein Diskurs durch die Zwänge und Aufstände der Menschen, die Angst und den Widerstand. Das Erkennen, dass gemeinschaftliches Handeln und Solidarität schwerer wiegen können als die heroische Furchtlosigkeit des Einzelnen.

Bei uns in Europa ist die Angst vor der Zukunft eine geschürte, fiktive Emotion, die viele lähmt. Bei den Menschen in Afrika, den Kriegsflüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und den politischen Flüchtlingen aus aller Welt sind dies Ängste jedoch greifbar. Denn sie bedeuten Tod, Verletzung oder Folter und Haft.

Daher ist es für uns Privilegierte wichtig zu erkennen, dass wir nichts zu verlieren haben, wenn wir uns nicht ängstigen lassen. Wir bestimmen unser Leben und Handeln und sollten die Welt als eine Nation betrachten. Denn dann brauchen wir keine Grenzen mehr und vor allem keine starken Männer die vorgeben uns vor den sogenannten Fremden schützen zu müssen!

Wir haben nichts zu verlieren außer unsere Angst, Fiona Jeffries, Rotpunkt Verlag, 215 Seiten, ISBN 978-3-85869-819-3, Euro 22,00.

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