Kaffee und Zigaretten, Ferdinand von Schirach

Wie schön, dass Herr von Schirach weder des Beobachtens noch des Schreibens müde wird. Mit »Kaffee und Zigaretten« hat er wieder einen so meisterhaft, guten Erzählband veröffentlicht, dass man ihn nur mit den großen Literaten, wie Kästner, Kleist oder auch Hermann Hesse vergleichen darf und muss. Seine Kurzgeschichten in dem Band handeln vom Leben, Menschen, prägnanten Begegnungen und flüchtigen Momenten des Erzählers.

Viele seiner Beobachtungen sind bitter, ohne dass eine Lösung angeboten wird, und fordert somit vom erwachsenen Leser ein eigenes Statement. Doch das erste Mal in Ferdinand von Schirachs Erzählungen fand ich auch ein Augenzwinkern in diesem Buch. Ein kleines ironisches Lächeln, wenn es um die täglichen Absurditäten in der Welt geht. Außergewöhnliche Literatur!

Ferdinand von Schirach © Niko Schmid-Burgk / photoselection
Pressefoto nur im Zusammenhang mit dem Buch „Kaffee und Zigaretten“
Der Abdruck ist bis 31.10. 2021 honorarfrei bei Nennung des Fotografen.]

Der Spiegel nannte Ferdinand von Schirach einen »großartigen Erzähler«, die New York Times einen »außergewöhnlichen Stilisten«, der Independent verglich ihn mit Kafka und Kleist, der Daily Telegraph schrieb, er sei »eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur«. Die Erzählungsbände »Verbrechen« und »Schuld« und die Romane »Der Fall Collini« und »Tabu« wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück »Terror« zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm die Spiegel-Bestseller »Die Herzlichkeit der Vernunft«, ein Band mit Gesprächen mit Alexander Kluge, sowie die Erzählungen »Strafe«.

Der Band enthält achtundvierzig kleine und auch längere Erzählungen. Es sind Momentaufnahmen, in ihrer Absurdität komisch, Beobachtungen und Gedanken, die einen regelrecht herausfordern. Herrn von Schirach kann man als Leser nicht entkommen, er zwingt einen über seine Sätze nachzudenken. Der Autor hält der Gesellschaft, den Menschen einen Spiegel vor die Nase und sagt: „Seht mal her, so habe ich es beobachtet!“ Dabei bezieht er nicht immer Stellung, sondern lässt Spielraum, damit der Leser seine eigene Quintessenz findet.

So hat Ferdinand von Schirach es in allen seinen Büchern gemacht, die bisher von ihm erschienen. Jedoch ist mir als eingefleischter Bewunderer seiner Literatur etwas Neues in diesem Band aufgefallen. Trotz der ernsten und beängstigenden Themen, die der Autor anschneidet und für uns darlegt, spielt ein kleiner humoristischer Unterton mit. Eine feine Ironie, wie ich sie immer bei Erich Kästner geliebt habe. Besonders wenn er über den Wahnwitz berichtet, den wir Menschen so anstellen:

Zitat: „Siebenundvierzig

Ein „Extremkünstler“, wie es heißt, brütet in Paris ein Dutzend Hühnereier aus. Er sitzt bis zum Schlüpfen der Küken in einem Plexiglaskasten, es dauerte zwischen 21 und 26 Tage. Passanten können ihn dabei beobachten, auch der Staatspräsident war schon da. Das sei die erste Arbeit mit lebenden Wesen, sagte der sogenannte Extremkünstler. Er kündigt in der Presse an, dass weitere folgen werden.“ Ende Zitat.

Wieder einmal ein wunderbares kleines Buch, ein literarischer Schatz. Wenn Sie nichts dagegen haben, auch einmal bei einem Buch intellektuell herausgefordert zu werden, dann müssen Sie die Werke von Ferdinand von Schirach lesen.

Kaffee und Zigaretten, Ferdinand von Schirach, Luchterhand Verlag, gebundene Ausgabe, Seiten 191, ISBN 978-3-630-87610-8, Euro 20,00. Der Erzählband liegt auch als Kindle und Audio CD vor.

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