Der NSU-Prozess Die Protokolle, Ramelsberger, Ramm, Schultz, Stadler

Die Protokolle des NSU-Prozess sind zeitgenössische Dokumente, denen in Bezug auf den Rechtsradikalismus und Rassismus in Deutschland eine geschichtlich hohe Bedeutung zukommt. Von vier Journalisten der Süddeutschen Zeitung wurden der über fünf Jahr laufende Strafprozess gegen eine Frau und vier Männer täglich protokolliert und somit für die Nachwelt erhalten. Ein wichtiges Dokument, das die inhumanen und zynischen Untiefen der deutschen rechtsradikalen Rassisten auslotet. Ein erschreckender Einblick, bei dem man sich ständig fragt, wie ist das im heutigen Deutschland überhaupt möglich?

Obwohl es sich um den Originalton der Gerichtsverhandlung handelt, die gekürzt aber unverändert auf 2016 Seiten dokumentiert wurden, lesen sich die fünf Bücher, wie ein spannender, zum Teil absurder Thriller. Keine einfache Kost, die Gefühle wie Wut, Trauer, Entsetzen und Unglauben im Leser hervorrufen. Doch sollte jeder mündige Bürger diese Dokumente lesen, um in Zukunft die subversiven, rechtsradikalen Menschenfängern als das zu enttarnen, was sie sind: Verbrecher!

Autoren von links nach rechts

Copyright: Antje Kunstmann Verlag

Annette Ramelsberger, Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung, hat die Deutsche Journalistenschule besucht und Jura, Politik und Journalistik studiert. Sie war Redakteurin des Spiegel und der Berliner Zeitung in München und Berlin und DDR-Korrespondentin der Nachrichtenagentur AP zur Zeit des Mauerfalls. Seit 1997 ist sie bei der Süddeutschen Zeitung als Ressortleiterin und politische Reporterin. In der Berliner Parlamentsredaktion war sie jahrelang die Expertin für politischen Extremismus und Terrorismus.

Wiebke Ramm, geboren 1976 in Hamburg, hat Psychologie in Berlin mit Schwerpunkt Rechtspsychologie am Institut für Forensische Psychiatrie der Charité studiert. Nach Diplom und Volontariat arbeitete sie mehrere Jahre als Redakteurin. Seit 2011 schreibt sie als freie Journalistin über bedeutsame Strafprozesse in ganz Deutschland. Über den NSU-Prozess berichtete sie unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, das SZ-Magazin und Spiegel Online.

Rainer Stadler, geboren 1967, studierte Informatik und absolvierte die Journalistenschule in München. Er arbeitete als freier Journalist und Auslandskorrespondent (Los Angeles) und schrieb u.a. für die Süddeutsche Zeitung, den Focus und den Spiegel. Seit 2001 ist er Redakteur beim SZ-Magazin.

Tanjev Schultz, geb. 1974, ist Professor für Journalismus an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zuvor war er innenpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Für seine journalistischen Arbeiten ist er mit etlichen Preisen ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Goethe-Medienpreis und dem Universitas-Preis für Wissenschaftsjournalismus. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem über Bildungspolitik und über die Plagiatsaffäre des Politikers Karl-Theodor zu Guttenberg.

In dem Strafprozess, der an 438 Tagen verhandelt wurde, ging es um die Schuld von Beate Zschäpe, Ralf Wohleben, Carsten Schultz, Holger Gerlach und André Eminger. So wurde bei der Urteilsverkündung eine lebenslange Haftstrafe für Beate Zschäpe verhängt und die vier anderen Angeklagten erhielten Haftstrafen zwischen zwei und zehn Jahren. Diese Straftaten wurden zwischen 1998 bis 2011 begangen und suchen an Kaltblütigkeit und Menschenverachtung ihresgleichen.  Da in Deutschland bei Gerichtsverhandlungen weder audiovisuelle noch offizielle Protokolle erstellt werden dürfen, war es für jeden deutschen Bürger ein Segen, dass sich vier Journalisten fünf Jahre lang abwechselnd mit einem Laptop in dem Gerichtssaal einfanden, um alles Gesagte niederzuschreiben.

Die drei Beweisaufnahmen Bücher, das Buch der Plädoyers und Urteil, sowie ein Buch der Materialien sind das fantastische Resultat ihrer fünfjährigen Sisyphusarbeit. Damit wurde ein wichtiger Abschnitt der neuen deutschen Geschichte festgehalten, um hoffentlich nie wieder in Vergessenheit zu geraten.

Doch in diesem schockierenden Dokument geht es nicht nur um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) und seine Helfershelfer, es geht auch um die sogenannten normalen Bürger und Bürgerinnen, die im Keller unterm Hitlerbild Bierchen und Prosecco schlürfen. Es geht um Polizeibeamte, die Hinterbliebene bedrohen und anlügen. Es geht um einen Verfassungsschutz, der V-Männer finanzierte und damit direkt den NSU unterstützte. Es geht um Verteidiger, die es wagten, in ihren Plädoyers Hitler- und Göring-Zitate zu benutzen. Es geht um die Ignoranz, die Schlampereien und die Bürokratie bei den Ermittlungen von Seiten des Geheimdienstes und der Polizei. Und letztendlich geht es um den Hass, aus dem die NSU-Morde verübt wurden, der in die Gesellschaft eingedrungen ist.

Sie sollten sich nicht scheuen die Protokolle zu lesen, auch wenn ihr Stil einem Drehbuch ähnelt oder manchmal vom Wortschatz Jura-lastig wirkt. Die Informationen sind so unglaublich spannend, das Auftreten von Zeugen, Verteidigern, Staatsanwälten, Opfern, Polizisten und selbst das des Richters so in jeder Hinsicht erstaunlich, dass man nur gefesselt immer weiter lesen kann.

Der NSU Prozess. Das Protokoll, Ramelsberger, Ramm, Schultz, Stadler, Kunstmann Verlag, Schuber mit fünf gebundenen Büchern, Beweisaufnahmen, Plädoyers, Urteil und Materialien, Seiten 2016, ISBN: 978-3-95614-095-2 Euro 80,00.

E-Book (Epub) ISBN: 978-3-95614-112-6, Euro 49,99.

 

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