Meg Wolitzer: „Das weibliche Prinzip“

Gastrezension: Dr. Ulrike Bolte; Kunsthistorikerin.

In ihrem neuen Roman breitet Meg Wolitzer einen Überblick über die Geschichte des (amerikanischen) Feminismus anhand von differenziert gestalteten Charakteren aus. Das gut lesbare Buch bietet einen Überblick über den Feminismus, seinen Kampf für die Rechte der Frauen, seine Ideale, wobei es bei aller Ernsthaftigkeit auch manchmal originell auftritt (wie die Erwähnung von Faith Franks Buch von 1984 „Das weibliche Prinzip“), phasenweise aber auch langatmig wirkt. Zum Schluss soll Greers Wunschadresse an Faith zitiert werden:
„Du hast im College für eine Offenbarung gesorgt. Danach habe ich jahrelang beobachtet, wie du alles, was du aufzubieten hattest – deine Kraft, deine Ansichten, deine Großzügigkeit, deinen Einfluss und natürlich deine Wut über Ungerechtigkeiten, alles zusammen – , anderen Frauen geschenkt hast, was oft passiert ist: die lange und großartige Geschichte von Frauen, die alles an andere weiter geben. Vielleicht ist das ein Reflex, manchmal auch eine Pflicht; aber wir tun es stets in dem Gefühl, dass es notwendig sei.“

Am Anfang steht die junge Collegestudentin Greer Kadetzky (der Name erinnert an die australische feministische Publizistin Germaine Greer), die durch sexuelle Übergriffe eines Studenten belästigt und der nicht belangt wird. Sie macht das Geschehen publik durch das aufgedruckte Konterfei des Belästigers auf T-Shirts – hat jedoch mit dieser Aktion wenig Erfolg. Ihr Erweckungserlebnis erfährt Greer durch einen Vortrag der (fiktiven) charismatischen Feministin Faith Frank, Herausgeberin der Zeitschrift „Bloomer“, benannt nach der Sozialreformerin Amelia Bloomer, die im 19. Jahrhundert die erste Zeitung für Frauen publiziert hat. Nach dem Ende des Studiums bekommt Greer eine Stelle in einem Projekt von Faith, einer Plattform für Frauen, die sich politisch und sozial einsetzen und engagieren. Doch als ihr ihre Freundin ein Bewerbungsschreiben an Faith gibt, gibt sie es nicht weiter – womit ein heikles Thema angesprochen wird: wenn es um die persönliche Karriere geht, spielt das so viel gepriesene social networking der Frauen häufig keine Rolle mehr. Greer schreibt sehr erfolgreich Reden für Frauen, die Ungerechtigkeiten in kleinen Veranstaltungen an die Öffentlichkeit tragen. Daneben werden Sponsoren für große Veranstaltungen und Kongresse mit Themen wie Macht, Frauenrechte oder Mentorinnen Programme eingeworben und durchgeführt – Kritiker sprechen von „Sandwichhäppchenfeminismus“. Bei einem Projekt in Ecuador über Menschenhandel sollen 100 prostituierte Mädchen aus ihrer Umgebung befreit und durch Mentorinnen zur (Aus-)Bildung in einem Handwerk und zur Gründung einer Kooperative angeregt werden. Finanziert wird dies von dem Milliardär E. Shrader, der Frank fördern möchte, nachdem „Bloomer“ eingestellt wurde. Greer hält erfolgreich die Eröffnungsrede mit einer Frau aus dem Projekt. Doch sie erfährt danach, dass das Mentorinnen Projekt nie stattgefunden hat und fühlt sich hintergangen. Als sie die ebenfalls überraschte Faith zur Rede stellt, beschließt diese in Abwägung aller negativen und positiven Folgen, bei der Stiftung zu bleiben, die beschließt, nichts nach draußen zu tragen, um die Finanzierung anderer Projekte nicht zu gefährden. Greer ist von ihrem Idol enttäuscht und kündigt. Sie nimmt Kontakt zu ihrer ehemaligen Mitstudentin auf und gibt zu, dass sie ihr nicht geholfen hat aus besitzergreifendem Ehrgeiz heraus, der keine Konkurrentin neben ihr duldete. Sie entscheidet sich für ein bürgerliches Dasein, jobbt, heiratet ihre Highschoolbekanntschaft und bekommt eine Tochter. In ihrer Freizeit schreibt sie ein Buch über Feminismus „Außenstimmen“, das sich über ein Jahr auf der Bestsellerliste hält: ein lebendiges optimistisches Manifest, dass Frauen ermutigt, den Mund aufzutun und gleichzeitig mit dem doppeldeutigen Titel darauf verweist, dass Frauen sich 2019 stärker denn je als Außenseiter empfinden, zumal die meisten Frauen weniger privilegiert seien als Greer. Somit wird auch die Jetztzeit des Feminismus thematisiert: in der 16-jährigen Babysitterin von Greer, die selbstbewusst Forderungen stellt und Leitfiguren in einer globalisierten, weil „gerechteren“ Welt ablehnt. Sie ist jedoch in der Zeit von #Metoo-Debatte und Trump („das große Grauen“) verunsichert, ob sie diese Desiderate erreichen kann. Weltweit ist der Feminismus auf einem absteigenden Ast und muss immer neu verhandelt werden ( z.B. durch den Womens March mit 500.000 Frauen in Washington gegen Trump).
Interessanter als die unisono Mutmacherinnenmantren sind die „feministischen“ Lebensläufe, denn es gibt mindestens 2 Arten von Feministinnen: die berühmten, in der Öffentlichkeit agierenden Frauen und die leiseren, die versuchen, in ihrem Alltag eine Balance zu finden, häufig mit Abwägungen und Kompromissen. Jede Frau hat ein prägendes Erlebnis: ein mitreißendes Treffen mit einer bekannten Feministin (wie Greer), das Mitleiden mit einer Freundin, die illegal abgetrieben hat (wie Faith), das Mitgefühl für Frauen in Notsituationen (wie Traumata Coach Zee).
Für Faith zählen 2 Aspekte: der Individualismus, in dem man sein Leben selbst gestalten kann und sich nicht an die Vorstellung anpassen muss, die andere von Weiblichkeit haben und die „Schwesternschaft“, die bedeutet, mit anderen Frauen dafür zu kämpfen, dass jede Frau ihre eigenen Entscheidungen treffen kann. Solange Konkurrenz das gemeinsame Handeln beherrscht, gebe es nur wenige Frauen, die nicht durch das Frauenbild unserer Gesellschaft eingeengt und benachteiligt wären. Faith thematisiert auch das ambivalente Verhältnis der Frauenbewegung zu den Linken in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, was sich jetzt wiederhole: sobald sich die Gesellschaft erneuert habe, würden die Probleme der Frauen automatisch gelöst. Anhand von Faiths Geschichte, „einige Stufen unter der wichtigen Frauenrechtlerin Gloria Steinem“, wird die Geschichte der 2. amerikanischen Frauenbewegung entwickelt wie die Demonstration in New York 1970 mit den Hauptforderungen Schwangerschaftsabbruch, Kinderbetreuung, gleiche Chancen bei Bildung und Arbeit, Anprangern von Frauenfeindlichkeit und Patriarchat. Rückblickend fand Faith vieles absurd, aber sie wurde von älteren Aktivistinnen daran erinnert, „dass die Vorhut stets über die Stränge schlagen müsse, um den Maßvollen gesellschaftliche Akzeptanz zu verschaffen.“
Für Greer war Faith die Person, die ihr die Freiheit geschenkt habe, der Mensch zu sein, der sie immer sein wollte, aber nicht sein konnte, weil sie glaubte, es wäre ihr versagt. Faith zeigte den Frauen, was in ihnen steckte und konnte sie für ihre Projekte begeistern. Am Ende findet Greer den Mut, sich von ihrem Vorbild abzunabeln und nicht ein ewiges Anhängsel zu bleiben. Faith sieht ihre Aufgabe darin, für die Frauen Projekte trotz des moralischen Vakuums der Geldgeber in der Stiftung Loci weiter zu stemmen, obwohl die Gelder nach Shraders Tod immer mehr zu.

WOLITZER MEG
Foto: Nina Subin

Die in New York lebende Autorin, geboren 1959, veröffentlichte 1982 den ersten von zahlreichen preisgekrönten und erfolgreichen Romanen. Viele standen auf der New-York-Times-Bestsellerliste, verfilmt wurde u. a. „Die Ehefrau des Nobelpreisträgers“, für den Glen Close gerade den Golden Globe Award als beste Hauptdarstellerin erhielt. Im Deutschen erschienen der Spiegel-Bestseller „Die Interessanten“ (2014) und „Die Stellung“ (2015). rück gefahren werden.

Lesenswert für Großmütter, Mütter, Töchter und Enkelinnen und auch die Männer!

Meg Wolitzer Das weibliche Prinzip, DuMont Verlag Köln, 496 Seiten, mit farbigem Vorsatzpapier und Lesebändchen, Originalverlag: Riverhead Books, New York 2018, Originaltitel: ›The Female Persuasion‹ ISBN 978-3-8321-9898-5, Übersetzung: Henning Ahrens

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