Interview mit dem finnischen Autor Jari Järvelä

Jari Järvelä, geboren 1966, arbeitete zunächst als Lehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Inzwischen hat er zahlreiche Romane, Hörspiele und Dramen veröffentlicht und gehört zu den angesehensten Autoren Finnlands. Mit dem Thriller Weiß für Wut wird Jari erstmals in Deutschland vorgestellt. Es ist der Beginn einer Trilogie um die Sprayerin Metro.

Fotocopyright: Havu Järvelä2

 

 

Die ersten zwei Bände einer Trilogie von Jari Järvelä aus Finnland.

Wer sind eigentlich die Künstler, die Bahnwagons, Wände von Häusern und Unterführungen beschmieren, Sprayer mit Namen, wie Rust, Metro oder Banksy. Und sind es Schmierereien, wie die Sicherheitsleute es sehen oder doch Künstler und Rebellen, die ein politisches Manifest verbreiten. Mit seiner Krimitrilogie taucht der Autor tief in die Welt dieser meist entwurzelten jungen Graffitikünstler ein. Metro und Rust sind ein Paar und sprayen, das ist ihr Leben. Doch in Finnland ist es ein schweres Vergehen, das hart geahndet wird. Firmen engagieren Sicherheitsdienste, die alles andere als sanft mit den Bazillen umgehen, wenn sie erwischt werden. Als Metro und Rust wieder einmal in der Nacht auf einem Güterbahnhof arbeiten, geraten sie in eine Großrazzia der Ratten, wie sie diese Sicherheitsdienstleute nennen. Doch dieses Mal gibt es kein Entkommen, jedenfalls nicht für Rust. Er wird vorsätzlich von einem Wachmann vom Dach gestoßen und stirbt. Metro, die mit einem Boot entkommen konnte, sieht die Liebe ihres Lebens fallen und schwört Rache!

 

Interview Eschborner-Stadtmagazin mit dem Autor:

Eschborner Stadtmagazin: Herr Järvelä, was gab bei Ihnen den Impuls, eine Trilogie über Untergrund-Graffiti-Künstler zu schreiben?

Jari Järvelä: Seit Jahren interessiert mit Graffiti und ich sammelte eine Menge Material über diese Künstler. Am Anfang wusste ich wirklich nicht, was ich mit all den Kartons voller Fotos und Berichte machen sollte. Es fühlte sich schwierig an, diese so visuellen Graffitis oder Straßenkunst, mit Worten zu beschreiben. Dann kontaktierte mich ein finnischer Krimijournalist und stellte mir eine Herausforderung. Er wollte wissen, welche Art von Kriminalgeschichten von einem Autor entstehen könnten, der eigentlich vorher nur literarische Fiktion geschrieben hat. Diese Herausforderung stellte er mehreren Autoren, und während dieses Telefongesprächs kam ich auf die Idee: Warum nicht Graffiti und das so andere Leben dieser Straßenkünstler zum Thema eines Thrillers zu machen.

ES: Sind die Polizei und auch die Regierung in Finnland wirklich so rigoros, wenn es um illegale Graffitis geht. Ihre Beschreibungen in dem Buch waren sehr hart.

JJ: Es gab eine absolute Nulltoleranz besonders in Helsinki. Das ist etwa zehn Jahre her und hat sich erst 2009 verbessert, als in Helsinki die erste offizielle Graffiti-Wand entstand. Während dieser Zeit gab es eine Menge Gewalt gegen die Straßenkünstler. Es dauerte Jahre, bis die Situation sich entschärft hat und Graffiti, als ein akzeptierter Teil der Stadtkultur anerkannt wurde. Auch wenn sich die Situation langsam entschärft hat, so wird in manchen Städten und speziell von den Sicherheitsfirmen immer noch scharf gegen die Straßenkünstler vorgegangen.

ES: Ihr Hauptcharakter Metro erinnerte mich sehr an Lisbeth Salander von Stieg Larsens Millennium Trilogie. Hatten Sie Lisbeth im Kopf als sie Metro kreierten?

JJ: Bevor ich die Trilogie um Metro schrieb, hatten bereits andere meiner Novellen weibliche Protagonisten. Zum Beispiel gibt es eine Geschichte über die Tochter eines Schornsteinfegers, die diesen Beruf selber aufgreift. Im Übrigen wurde ich, während dieses Buches ein Experte für Dächer, was sehr nützlich war bei der Graffiti Trilogie. Aber was die weibliche Hauptfigur angeht, ist es wohl so, dass wir in Skandinavien sehr starke und mächtige Frauen haben, so ist es einfach, eine starke Protagonistin zu erschaffen.

ES: Metro und ihre Freunde fliehen nach Berlin, doch vorher verbringen sie Zeit in einer verlassenen Stadt, Prypjat in der Nähe von Tschernobyl. Es hört sich ein wenig unrealistisch an. Haben Sie Recherchen dazu gemacht, leben Leute illegal in diesen eigentlich verlassenen, verstrahlten Städten?

JJ: Einer meiner finnischen Freunde ist Wissenschaftler und hat Prypjat etwa ein Duzendmal besucht. Er studiert die Evolution und Mutation von Säugetieren, die solchen Strahlungen ausgesetzt waren. Durch ihn habe ich viele interessante Dinge über Prypjat aus erster Hand erfahren. Darum denke ich, die meisten meiner Fakten in dem Buch sind korrekt. Eigentlich wollte ich erst einen Thriller über solch einen Wissenschaftler schreiben, aber Prypjat wurde dann das perfekte Material für Metro, denn einer ihrer Freunde liebt die abgeschiedenen, verlassenen Plätze. Es war also ganz natürlich, dass Prypjat für ihn eine Art wahr gewordener Traum ist, denn es ist eine ganze Stadt, in der niemand lebt.

ES: Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach ist, mit Underground-Straßenkünstler in Kontakt zu kommen? Haben Sie mit diesen Künstlern gesprochen und wie haben Sie Kontakt aufgebaut?

JJ: Für das erste Buch habe ich mich ganz auf meine Materialsammlung verlassen und einige, wenige Gespräche geführt. Jedoch, als der erste Band in Finnland veröffentlicht wurde, kamen Straßenkünstler auf mich zu, weil sie sich mit dem Buch identifizieren konnten. Sie waren allesamt sehr erstaunt, woher ich so spezielle Details wusste, besonders wenn ich die Handgreiflichkeiten mit den Sicherheitsfirmen beschrieb. Für den zweiten und dritten Band hatte ich dann die Möglichkeit, einige von den Künstlern zu treffen, und mit ihnen zu reden. Das war sehr hilfreich für die beiden anderen Bände.

ES: Denken Sie, die Regierung sollte Straßenkunst mehr unterstützen, so wie das in Wien mit Graffitiflächen entlang des Donaukanals gemacht wurde?

JJ: Wie schon erwähnt hat sich die Situation in Finnland etwas verbessert. Aber Graffiti ist nicht etwas, dass von einer Stadtverwaltung oder Regierung getriggert werden sollte. Graffiti ist die Stimme der Straße. Ein Schrei und eine Manifestation von Menschen, die unsichtbar sind für Behörden. Es ist kontrovers und das soll es auch sein. Graffiti sollte nicht zum Spielzeug von Behörden werden. Die sogenannte illegale Straßenkunst trägt viel mehr Botschaften in sich als legales Graffiti.

ES: Somit ist Graffiti mehr als nur Kunst für Sie. Ist es eine Philosophie oder eine Art zu leben. Für ihre Protagonisten scheint es jedenfalls, nichts Wichtigeres im Leben zu geben, als zu sprayen.

JJ: In meiner Jugend war ich ein Punk-Rocker. Damals hat jeder in irgendwelchen Garagen Bands gegründet und Magazine gedruckt. Es war unsere eigene Art zu leben, voller Energie, und dem Glauben etwas ändern zu können. Seit dieser Zeit hatte ich immer Sympathien für Menschen die etwas anders leben, als das sogenannte ordinäre, normale Leben. Es gehört eine Menge Mut dazu sich solch ein Leben zu gestalten und nicht nur einfach kopieren, was andere dir vorleben. Aber ganz klar, es ist ein verdammt hartes Leben und ich hoffe, ich konnte bei Metro und Rusts Geschichte das Für und Wider eines solchen Lebens aufzeichnen. Denn der ultimative Preis kann sehr hoch sein.

ES: Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview, wünschen Ihnen viel Erfolg mit Ihren Büchern und hoffe, bald auch den dritten Teil Ihrer Trilogie lesen zu können

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.