Die Herzlichkeit der Vernunft, Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge

Das Buch ist ein Zwiegespräch zweier großer Denker, die man selbst als Philosophen bezeichnen möchte. So drehen sich ihre Gespräche um Sokrates, Voltaire, Kleist, Schirachs Theaterstück Terror und die Politik im Allgemeinen. Was mir als bekennenden Bewunderer von Ferdinand von Schirach wieder einmal auffiel, war die Wortwahl des Autors. Wo Alexander Kluge seine Theorien und Vorstellungen eher etwas verschachtelt darstellt und den Leser zu einem zweiten und auch dritten Durchlesen veranlasst, um das Gesagte zu verstehen, bleibt Ferdinand von Schirach sich treu. Das einfache, verständliche Wort ist seine Zauberformel. Und immer wieder trifft er damit den Nagel auf den Kopf. Solch ein Buch kann ich nicht lesen, ohne einen Bleistift zur Hand, damit ich mir wichtige Stellen markieren kann und darüber nachdenken werde. Ein Stück deutsche Literatur, wie wir es nur noch selten lesen können.

Ferdinand von Schirach
Berlin Juni 2015

Ferdinand von Schirach, geboren 1964 in München ist Jurist, Dramatiker und Schriftsteller. Er lebt in Berlin. Seine letzten Bücher: Tabu und das Theaterstück Terror.

Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, Jurist, Filmemacher und Schriftsteller. ER lebt in München. Seine letzten Bücher: Kongs große Stunde. Chronik des Zusammenhangs und mit Georg Baselitz Weltverändernder Zorn, Nachrichten von den Gegenfüßlern.

Foto: Michael Mann Copyright: Ferdinand von Schirach

 

 

Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge im Gespräch.

Fotocopyright: Archiv Kairosfilm, honorarfrei zur Verfügung gestellt.

Man kann das Buch eigentlich nicht kurz zusammenfassen, man muss es einfach lesen, um in Ruhe darüber nachdenken zu können. Darum werde ich mich an dieser Stelle nur mit einigen Zitaten zufriedengeben und Ihnen liebe Leser wünschen, dass Sie dieses Buch in die Hand nehmen.

„Unser Recht heute sieht nämlich nur vor. Dass der Staat sich nicht in die Religion einmischen darf. Klüger wäre es, dass sich Religion nicht in den Staat einmischen darf.“

„Die Idee Montesquieus, also die Gewaltenteilung, verhindert so die Tyrannei.“

„Das Problem ist, dass wir Gesetzte und Vorschriften oft nicht verstehen.“

„Fanatische Religionsführer erklären heute – wie schon vor 5000 Jahren -, sie müssen um den einzigen wahren Gott, nur ihm dürfen wir folgen. Mit dieser „Wahrheit“ unterdrücken sie, terrorisieren, foltern und morden. Die Anschläge in New York, Paris und Brüssel sind ohne die Behauptung absoluter Wahrheit gar nicht mehr vorstellbar. Der hinreißend arrogante Sokrates lehrt uns dagegen nur eines: Bescheidenheit.“

 „Wenn tausend Zeugen etwas behaupten, sagt Voltaire und der gesunde Menschenverstand spricht dagegen, gilt der gesunde Menschenverstand. Das ist neu.“

 „Die Akademiker-Corps der Nazis verübten in den Ostgebieten die schlimmsten Verbrechen. Es waren Apotheker, Rechtsanwälte, Ärzte, Geisteswissenschaftler. Bildung kann und wird uns nicht retten, sie hat es noch nie getan, auch nicht Literatur, Musik oder Kunst. Wenn es zum Schlimmsten kommt, nutzen sie nichts, sie sind keine Garantien für Menschlichkeit, sie errichten keine Grenzen.“

 „2016 gaben in Deutschland rund 57% der befragten Facebook-Nutzer an, dass sie sich bei Freunden auf Facebook über politische Themen informieren würden. Ihre Meinung wird so immer wieder bestätigt, egal, wie falsch sie ist, weil sie sich immer in der gleichen Gruppe bewegen. Das ist enorm gefährlich.“ 

„Hobbes sagt im Leviathan, die Menschen geben ihre Freiheit freiwillig auf, um Sicherheit zu gewinnen.“

Die Herzlichkeit der Vernunft, Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge, Luchterhand Verlag, gebundene Ausgabe, Seiten 187, ISBN 978-3-630-87591-0, Euro 10,00.

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