Jack Engels Leben und Abenteuer, Walt Whitman

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Jeder von uns hat von Walt Whitman gehört, der Mitbegründer der amerikanischen Literatur. Doch ehrlich gesagt, hatte ich von Whitman noch nie etwas gelesen. So war der kürzlich lyrische Sensationsfund eines unbekannten Whitman-Werks meine erste Begegnung mit diesem Autor des neunzehnten Jahrhunderts. Jack Engels Leben und Abenteuer ist erstaunlich aktuell in seinen Beobachtungen der Menschen in New York City, obwohl er um 1830 spielt. Jedoch das wirklich Besondere an diesem Roman ist der klare Blick für die gesellschaftlichen Unterschiede, die Toleranz gegenüber allen Menschen und die einfach nur wunderschöne Sprache. Große amerikanische Literatur und sprachlicher Lesegenuss, der auch noch spannend ist.

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Walt Whitman (1819-1892) war Lehrer, Schriftsteller und Wohnungsmakler, ehe er der erste Weltpoet der USA wurde. Seine sprachmächtigen, rhythmisch frei schwingenden Hymnen, mit denen er das Land und die Leute seiner Heimat besang, die Weiten der Meere und die gewaltigen Städte, die Schönheit der Natur und die Erhabenheit menschlicher Erfindungen, suchen in der modernen Dichtkunst ihresgleichen. Neben seinen lyrischen Hauptwerk Leaves of Grass schrieb er auch Prosa.

©Mathew Brady, Walt Whitman, 1860-1865, National Archives

Zärtlich und manchmal ironisch beschreibt Walt Whitman die Erlebnisse des Findelkinds Jack Engels, der als kleiner Junge auf den Straßen von New York überleben muss. Als der verwilderte, barfüßige und gerade mal zehn Jahre alten Jack eines Morgens vor dem Lebensmittelladen des rechtschaffenen Ephraim Foster steht und mit dem Satz „Ich will was zum Frühstück“, das Herz des alten Mannes erobert, verändert sich sein Leben. Der kleine Junge, der außer einem goldenen Ohrring, der den Schriftzug Jack Engel trägt, nichts besitzt, findet in Ephraim und seiner herzensguten Frau die liebevollen Eltern, die er nie kannte. Dort wächst Jack auf und wird als junger Mann als Gehilfe in einer Rechtsanwaltskanzlei eingestellt, um das Gewerbe der Juristerei zu erlernen. Ein Beruf, der dem jungen abenteuerlustigen Mann eher ein Gräuel ist. Doch aus Liebe zu seinem Ziehvater beugt er sich dem Wunsch und erfährt so einiges über die korrupten Machenschaften dieser Zunft. Ausbeutungen, die immer auf Kosten der armen Menschen geschehen und die Reichen nur noch mehr bereichert. Doch es hat auch etwas Gutes, diesen Weg eingeschlagen zu haben, denn er kommt in Kontakt mit seiner mysteriösen Vergangenheit. Whitmans Roman zaubert ein Lächeln auf das Gesicht des Lesers. Auch wenn die Beschreibungen der unteren Gesellschaftsschichten in New York bitter anmuten, sind diese Beobachtungen eher zärtlich. Wundervolle Literatur, von denen ich Ihnen nur ein kurzes Beispiel geben möchte:

„Auch wenn ich nur ein Kind war (und wie viel tiefsinniger, als man meint, sind doch die Gedanken von Kindern!), erfasste ich etwas von dem sittlichen Unterschied zwischen der Schäbigkeit und Armut und Entwürdigung meiner Klasse und dem Feinsinn, der Rechtschaffenheit und Geborgenheit in jener Quäkerfamilie. Ich wusste, dass ich vom gleichen Fleisch und Blut und der gleichen Art war wie sie. Das machte mir Mut, und ihre taktvolle Herzensgüte hat mich mehr bereichert, als sie ahnen.“

Darum geben Sie diesem Klassiker eine Chance. Er ist alles andere als angestaubt. Eigentlich sind Jack Engels Beschreibungen und Beobachtungen heute genauso aktuell, wie sie es 1830 waren!

Jack Engels Leben und Abenteuer, Walt Whitman, Manesse Verlag, gebundene Ausgabe, 184 Seiten, ISBN 978-3-7175-2450-2, Euro 22,00.

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