Die Kuppel von Markus Stromiedel, Droemer Verlag, mit einem Autoreninterview

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Die Kuppel ist wieder ein Science-Fiction, von Markus Stromiedel, der in nicht als zu ferner Zukunft spielt. Das Europa in 2035 erinnert an George Orwels 1984, denn es ist nicht nur ein totalitärer Überwachungsstaat, der durch Klimakatastrophen gebrandmarkt, sondern auch ganz klar in Gesellschaftsschichten eingeteilt ist. Bist du arm, hast du verloren! Was diesen Roman jedoch so faszinierend macht, er greift das Problem der Renten Bombe auf. Was passiert in 2035 mit unseren alten Menschen, wer kann in Zukunft noch für ein menschenwürdiges Leben dieser Rentner zahlen. Schon heute weiß man, dass die Budgets platzen werden. In der Kuppel wird ein Lösungsweg angezeigt, der den Leser ganz bestimmt in einen Zwiespalt bringt! Großartiger Roman, dessen Kernaussage in einem spannenden Science-Fiction-Thriller verpackt ist.

Markus Stromiedel Foto: Volker Lannert

Markus Stromiedel
Foto: Volker Lannert

Markus Stromiedel, geb. 1964, schrieb als Journalist für die Zeit und die Frankfurter Rundschau, bevor er in die Filmbranche wechselte. Aus seiner Feder stammen die Drehbücher für viele erfolgreiche Krimis und Fernsehfilme (Tatort u.v.m.). Sein Thriller Die Kuppel war nominiert für den Kurd-Laßwitz-Preis als bester Science-Fiction-Roman des Jahres

Militärpolizist Vincent Höfler ist einer von vielen Mitläufern der neuen Welt. Er schleicht sich durchs Leben, ohne politisch oder moralisch Stellung zu nehmen und so war sein Entschluss Militärpolizist zu werden, für ihn naheliegend. Als ein alter Mann tot neben einem Zaun außerhalb eines Militärgeländes aufgefunden wird, schickt man Vincent von Brüssel nach Deutschland. Er soll den Fall ermitteln und schnell abschließen. Doch die ganzen Umstände, wie der Mann gefunden wurde und woran er anscheinend starb, werfen viele Fragen auf. Vielleicht liegt es auch an der Ärztin Anna, die eigentlich die Autopsie durchführen soll, dass Vincent genauer hinsieht und Fragen stellt. Fragen, die ihn aber auch Anna sehr schnell in das Visier von mysteriösen Verfolgern bringen. Wer sind diese Leute und was wollen sie? Warum verschwindet die Leiche des Alten, bevor man obduzieren kann? Und vor allen Dingen, was hat der gigantische Kuppelbau einer sehr exklusiven Seniorenwohnanlage, mit dem Tod des alten Mannes zu tun. Als Anna und Vincent nach und nach erkennen, dass die europäische Regierung hinter ihren Verfolgern steckt, ist es bereits zu spät. Beide sind als Topterroristen vom Staatssicherheitsdienst zur Fahndung ausgeschrieben. Vincent trifft eine Entscheidung; das erste Mal in seinem Leben bekennt er Farbe für die Gerechtigkeit und lässt mit seinen Ermittlungen nicht nach. Vor allem, weil sein eigener Vater involviert zu sein scheint und plötzlich verschwindet. In besagter Kuppel, der luxuriösen Seniorenresidenz neben dem Militärgelände. 

Ein fantastisch durchdachter Science-Fiction-Thriller, der auf der einen Seite beim Leser ein beängstigendes Gefühl vor dem Überwachungsstaat hinterlässt, auf der anderen Seite einen Zwiespalt. Denn wenn es um die Lösung der Senioren und Rentenfrage geht, kann man sich selbst wirklich fragen, könnte dies ein humanitäres Patentrezept für alte, kranke Menschen sein? Vielleicht wäre meine Antwort: Aber nur, wenn wir Alten denn eine Chance bekommen, selbst darüber zu entscheiden! 

Die Kuppel, Markus Stromiedel, Droemer Verlag, Taschenbuch, Seiten 391, ISBN 978-3-426-30520-1, Euro 9,99.

 

Interview des Eschborner Stadtmagazins, von unserer Redakteurin Elke Rossmann mit Markus Stromiedel zu seinen Romanen Die Kuppel und Zone 5.

Erst einmal vielen Dank, Herr Stromiedel, dass Sie sich die Zeit nehmen, auf unsere Fragen zu antworten. Mit großem Vergnügen haben wir Ihre beiden Science-Fiction gelesen, die unter den deutschen Sci-Fis wirklich herausstechen und hoffen, noch viel von Ihnen als Autor zu hören.

Eschborner Stadtmagazin: Fangen wir mit Ihrem Roman Die Kuppel an. Darin ist Europa ein totalitärer Überwachungsstaat, eine unterdrückende Diktatur. Glauben Sie in der Zukunft noch an ein starkes Europa, wo wir gerade a) Brexit und wenn es nach Le Pen geht, auch den Frexit bekommen und b) Diktatorenpersönlichkeiten, wie Erdoğan, Putin und mittlerweile Trump in der Welt an der Macht sind?

Markus Stromiedel: Ich finde, dass Europa eine große Errungenschaft ist, für die es sich zu kämpfen lohnt. Entscheidend wird sein, ob es uns gelingt, dass wir tatsächlich das Gefühl einer Gemeinschaft, eines Miteinanders entwickeln. Es ist ganz normal, dass sich Menschen von anderen abgrenzen, dass man sich zusammentut und gegenseitig beschützt. Die kleinste Zelle ist ein Paar, dann kommt die Familie, dann vielleicht eine Stadt oder eine Region, ein Land. Wir müssen es schaffen, diesen Gemeinschaftsbegriff weiter zu fassen. Wer sich aufmacht, kann die Erfahrung machen, überall auf Gleichgesinnte zu treffen. Je stärker die Gemeinschaft und das Gefühl für die Gemeinschaft, desto größer wird der Widerstand sein, den wir gegen populistische Politiker in In- und Ausland leisten können.

E.S.: Die Renten Bombe ist ein langfristiges Problem, das bekannt ist, deren Lösungsvorschläge jedoch alles andere als befriedigend sind. Unterstellen wir, dass es die Technologie, der Kuppel irgendwann geben würde, wäre das ein humanitärer Ausweg für alte, kranke Menschen?

Markus Stromiedel: Viele empfinden die Kuppel als bedrohlich, manche sogar als bedrückend. Ich sehe das nicht so, im Gegenteil. Wenn es wirklich möglich wäre, so zu leben, wie ich es beschreibe, dann wäre das für mich eine denkbare Alternative. Warum auch nicht? Denn Menschen in der Kuppel geht es gut! Aber ich verstehe, dass man das auch anders sehen kann.

E.S.: Unsere Gesellschaft in Deutschland ist noch nicht bereit, Sterbehilfe anzuerkennen, selbst bei Medizinern sind die Meinungen zwiespältig. Sollten Ihrer Meinung nach besonders alte, kranke Menschen eine Entscheidungsfreiheit darüber bekommen? Und gäbe es die Technologie, wie in Ihrem Roman, in letzter Konsequenz auch über diese Art von Existenz entscheiden dürfen?

Markus Stromiedel: Ich für mich lehne Sterbehilfe ab. Die Vorstellung, mein Leben zu beenden, ist mir fern. Für andere das zu entscheiden, maße ich mir nicht an. Ich fürchte jedoch, wenn wir Sterbehilfe erlauben, besteht die Gefahr, dass der Tod eines alten Menschen für manche die willkommene Lösung für ein Problem ist, welches der alte Mensch durch seine Existenz darstellt. Warum sich um gute Pflege bemühen, um die Versorgung der Alten, die Finanzierung der Renten, wenn der Tod die ganze Sache preisgünstig erledigt?

E.S.: Der Vorgänger Ihrer Tagger im Roman kann man wohl mit den heutigen Smartphones vergleichen. Besonders die junge Generation benutzt diese Technologie sehr undifferenziert, ob es nun Facebook, Twitter oder all die anderen sozialen Netzwerke sind. Dass ihr Privatleben völlig transparent wird, scheint die jungen Leute, im Allgemeinen nicht zu stören. Werden die nachfolgenden Generationen dadurch unkritischer, unpolitischer und automatisch zu Mitläufern, wie es Vincent am Anfang ihres Romans ist?

Markus Stromiedel: Wir erliegen alle den Verlockungen, die uns serviert werden. Wir geben Freiheiten auf, weil es uns wichtiger ist, bequem zu surfen, kostenlos zu navigieren, umsonst Leistungen zu bekommen, für die wir früher bezahlt haben. Das macht uns steuerbar. Wir merken dabei überhaupt nicht, wie rasant sich unser Leben ändert. Smartphones gibt es erst seit etwas mehr als zehn Jahren! Unser Leben hat sich in dieser Zeit komplett auf den Kopf gestellt. Die Gefahr, dass nachfolgende Generationen unpolitischer werden, ist durchaus da. Aber wenn das geschieht, liegt das auch an uns, denn wir sind den nachfolgenden Generationen Vorbild. Das können wir nicht auf die Technik schieben.

E.S.: Wir leben in einem Zeitalter, in dem es ohne Technologien, wie Internet kaum noch möglich ist, effizient einen Beruf auszuüben. Selbst als Autor braucht man das Internet. Richtig angewendet kann es Menschen informieren, bilden und selbst Revolutionen herbeiführen (siehe Ägypten). Jedoch fürchte ich, viele junge Leute benutzten die Technologie fast nur zu Entertainment Zwecken. Was raten Sie ihren Kindern, wenn es um den Umgang mit solchen Technologien geht?

Markus Stromiedel: Ich versuche, gemeinsam mit meiner Frau meinen Kindern ein Bewusstsein für die Technik und ihre Wirkungen zu vermitteln. Also nicht verbieten, sondern klarmachen, wo die Gefahren liegen. Ich kann meine Kinder verstehen, dass Sie ins Netz eintauchen! Auch ich möchte nicht mehr auf das Internet verzichten. Es ist unfassbar hilfreich, wenn man es bewusst nutzt. Dieses Bewusstsein weiterzugeben ist Teil der Erziehung, eigentlich ein ganz normaler Prozess. Es ist wie bei allen Dingen: Nur was ich selber vorlebe, kann ich Kindern und Jugendlichen auch weitergeben. Klar, das klappt nicht immer. Es ist daher hilfreich, sich der eigenen Schwächen bewusst zu sein und diese auch nicht vor den Kindern zu verheimlichen.

E.S.: In Zone 5 greifen Sie die Macht der Pharmaindustrie auf. Schon heute haben wir, selbst in sozialversorgungsstarken Gesellschaften, eine immer größere Spaltung von medizinischer Versorgung, siehe Privat- zu Kassenpatienten. Es gibt effektivere Medikamente, die Menschen schneller heilen könnten, die aber zu teuer sind, um von den Medizinern verschrieben zu werden, weil sie einfach mit ihren vorgegebenen Budgets beschränkt sind. Was müsste ihrer Meinung mit den Pharmaunternehmen geschehen, damit wieder mehr für den Patienten getan wird, anstatt für die Gewinnspanne?

Markus Stromiedel: Es ist wie auf allen Geschäftsfeldern in kapitalistischen Systemen: Es ist gut, innovativen und kompetenten Menschen Freiheiten zu lassen, um neue Dinge zu entwickeln und voranzubringen. Davon profitieren nicht nur die Firmen, sondern auch die Patienten. Aber die Politik und auch die Gesellschaft muss korrigierend und überwachend eingreifen. Traurig ist, wenn man als Patient zu einer Gruppe gehört, deren Krankheit keine Hoffnung auf großen Profit verheißt. Dort wird ein gewinnorientierter Konzern nicht einsteigen. Hier muss die Politik nachsteuern. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen: Die Politiker sind nicht ferne fremde Wesen, sondern unsere von uns gewählten Vertreter. Sie übernehmen unsere Aufgaben. Die Verantwortung auch für solche Dinge können wir nicht mit dem Kreuz auf dem Wahlzettel wegschieben.

E.S.:In Zone 5 bleibt einem Menschen immerhin die Möglichkeit sich durch geistige Entwicklung und Abschluss einer Eliteuniversität aus seiner Geburtskaste (nennen wir es mal so) zu befreien. Wenn er die Möglichkeit hat, auf diese Unis zu gehen. Würde intellektuell Überlegenheit nicht auch automatisch zu Kritikern und Revolutionären führen, wie bei Ihrem Protagonisten oder denken Sie, wir gehen momentan in Richtung hochausgebildeter Fachidioten?

Markus Stromiedel: Beides ist möglich. Wenn wir unsere Kinder stark und selbstbewusst machen, wenn wir ihnen Mitgefühl und Verantwortung beibringen, werden sie auch bewusst und selbstbewusst ins Leben hinaustreten. Dort liegt der Schlüssel für unsere Zukunft. Dann werden sie tun, was zu tun ist – sei es Revolution oder sei es Entwicklung durch Bildung und Forschung.

E.S.: Haben Sie einen neuen Roman in Arbeit? Und können Sie uns schon ein paar kleine Tipps geben, worum es gehen wird.

Markus Stromiedel: Ich arbeite gerade ein dem dritten Kommissar-Selig-Krimi. Ich hatte seinerzeit eine Trilogie versprochen, und das Versprechen löse ich jetzt ein.

Eschborner Stadtmagazin: Wir bedanken uns ganz herzlich für Ihre Antworten und die Zeit, die Sie investierten für dieses Interview. Die Redaktion des Eschborner Stadtmagazins wünscht Ihnen ganz viel Erfolg und vor allem, dass viele Menschen Ihre sozialkritischen Romane lesen werden.

 

 

 

 

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