Marc-Oliver Bischoff: Die Sippe u. Interview mit dem Autor

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Der Autor nimmt sich, nachdem er sich intensiv mit dem Thema Rechtsradikalismus auseinander gesetzt hat, mit überraschenden Blickwinkeln des Themas an. Er führt uns zunächst mit schönen Bildern vor wie es in einem Dorf zugeht bei dem scheinbar alles stimmt. Hilfsbereitschaft, Ordnung und Sicherheit. Das wollen doch die Meisten von uns. Kann es das ohne Zwang geben? Der vorliegende Roman ist eine Auseinandersetzung, in Kriminalromanform, mit der deutschen Mentalität zu Recht und Ordnung. Er eröffnet neue Perspektiven in der Betrachtung zu den gegenwärtigen Strömungen hin zu rechtsradikalen Parteien.

 

 

Marc-Oliver Bischoff

Marc-Oliver Bischoff

Marc-Oliver Bischoff wurde 1967 in Lemgo geboren und wuchs in einem kleinen Dorf am Stadtrand von München auf. Nach dem wirtschaftswissenschaftlichen Studium verschlug es ihn zunächst an den Bodensee, in die Schweiz und nach Frankfurt, der Stadt, der er sich bis heute am meisten verbunden fühlt. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern in Ludwigsburg und arbeitet als Technologieberater. Für seinen ersten Kriminalroman ›Tödliche Fortsetzung‹ wurde er mit dem ›Friedrich-Glauser-Preis‹ in der Sparte ›Debüt‹ ausgezeichnet. Bei Grafit bisher erschienen: Tödliche Fortsetzung, Die Voliere, Golanhöhen

Katharina Hoffmanns bisheriges Leben gerät aus der Bahn, als sie beinahe Opfer einer Vergewaltigung wird. Fast zeitgleich erreicht sie ein Hilferuf ihrer Schwester Sara – die dann spurlos verschwindet. Katharina begibt sich auf die Suche. In Rostock, wo Sara als Gerichtsvollzieherin arbeitete, stößt sie auf einen Hinweis, der sie weiter nach Grantzow führt. Ein Dorf, in dem scheinbar die perfekte Idylle herrscht.

Der Osten in seiner scheinbaren Idylle wird zum Schauplatz von Diktatur und verbrecherischen Umtrieben.

Marc-Oliver Bischoff: Die Sippe, Kriminalroman, Grafit Verlag, kt., 317 Seiten, ISBN 978-3-89425-478-0,€ 12.00

Interview mit Marc-Oliver Bischoff

„Jeder und jede glaubt, er könne ein Buch schreiben und setzt es in seinen Lebenserfolgsplan ein, wie einen „Baum pflanzen“, …

Der Erfolgsautor von Tödliche Fortsetzung, Die Voliere, Golanhöhen und Friedrich-Glauser-Preisträger  äußert sich im Gespräch mit der Eschborner Zeitung über die Regio-Krimi-Welle, Sicherheitsverwahrung und gibt zu, dass auch gestandene Väter ab und zu nächtens um den Block laufen müssen, um nicht auszurasten.

Eschborner Stadtmagazin: Die Regio-Krimi Welle hat uns in den letzten zwei Jahren förmlich erschlagen, man musste schon befürchten, dass jedes Dorf im Taunus ihren eigenen Kripo-Helden bekommt. Dann habe ich ihre drei Frankfurt-Krimis gelesen und war fasziniert, wie realistisch ihre Beschreibungen sind. Woran liegt das ihrer Meinung nach?

Marc-Oliver Bischoff: Woran es liegt, dass meine Krimis besonders realistisch wirken? Oder was der Grund für die Schwemme an Regionalkrimis ist?

Fangen wir mal mit letzterem an: Zum einen ist die Eintrittshürde in den Krimimarkt immer niedriger geworden. Jeder und jede glaubt, er könne ein Buch schreiben, und setzt es in seinen Lebenserfolgsplan ein, wie „einen Baum pflanzen“, „ein Haus bauen“, „einen Marathon laufen“. Krimis gelten als „einfaches“ Genre für das man nicht viel Grips braucht, es gibt säckeweise Ratschlag im Internet und anderswo, wie man einen Krimi schreibt. Einige Verlage haben ein Geschäftsmodell daraus gemacht, jedem Weiler mit ein paar hundert Einwohnern seinen Krimi maßzuschneidern. Masse statt Klasse. Ein großes Angebot an Manuskripten trifft also auf eine große Nachfrage seitens der Verlage. Nur leider kann die Nachfrage bei den Lesern da nicht mithalten. Im Ergebnis sinken die Auflagenzahlen der einzelnen Veröffentlichungen. Der Kuchen teilt sich in kleinere Stücke auf, für jeden bleibt weniger übrig. Und die Qualität leidet erst recht.

Zum Thema Realismus: Ich finde nicht, dass meine Geschichten realistischer sind als die anderer Autoren. Das liegt vielleicht daran, dass ich – anders als die Mehrheit der Leser – genau weiß, was auf Fakten beruht, und was erfunden ist. Als Autor fühle ich mich immer ein bisschen wie ein Hochstapler, der hofft, dass ihm niemand drauf kommt. Dabei überschätzt man das Interesse der Leser an den harten Fakten und ihre Aufmerksamkeitsspanne. Die allermeisten verbringen mit einem Buch ein paar wenige Abende. Sie wollen in erster Linie gut unterhalten werden, sie wollen eine gute Geschichte, interessante Figuren, starke Gefühle; ob das Aktenzeichen bei der Frankfurter Kripo wirklich exakt so aussieht, oder nur so ähnlich, ist Ottilie Normalleserin herzlich egal. Es muss sich vor allem realistisch anfühlen. Andererseits habe ich einen gewissen handwerklichen Ehrgeiz, und Fakten zu kennen und zu benutzen gibt einem Autor Sicherheit, die einen im Chaos des Geschichtenerfindens erden und beruhigen. Bei meinem Debütroman konnte ich einmal drei Wochen lang nicht weiterschreiben, nur weil ich zwanghaft herausfinden musste, mit welchem Bodenbelag die Besprechungszimmer im Präsidium in der Adickesallee ausgestattet sind. Das war natürlich eine Flucht vor dem Text. Fakten vermitteln einem das Gefühl, man hätte diese verrückte Sache, diesen kreativen Prozess unter Kontrolle. Was natürlich eine totale Illusion ist.

E.S.M.: Die Kriminalfälle stehen natürlich im Vordergrund ihrer Bücher, doch auch die private Geschichte von Nora und Gideon entwickelt sich. Ich war erstaunt, dass sie ihre Leser nicht daran teilhaben lassen. In Der Voliere erahnt man, dass sich etwas zwischen den beiden abspielt und in Golanhöhen sind beide plötzlich verheiratet und haben ein Kind. Gerade in Serien will der Leser, doch auch die Hintergrundstory genau verfolgen. Haben Sie bewusst darauf verzichtet, wenn ja, warum?

M.-O. Bischoff: Manche Leser und Kritiker finden sogar, die private Seite meiner Protagonisten nimmt in meinen Büchern viel zu viel Platz ein, insofern erstaunt mich ihre Beobachtung. Es stimmt aber, dass es zwischen dem zweiten Band, in dem sich zwischen den beiden eine Art wechselseitige Anziehung entwickelt und den „Golanhöhen“, in denen die beiden schon verheiratet und Eltern sind, eine große private Lücke klafft. Das liegt daran, dass ich für den Fall des ermordeten Babys eine möglichst große Fallhöhe für Gideon brauchte, und die entsteht natürlich vor allem dann, wenn er selbst Vater ist. Dass er mit Nora zusammen ist, stand ebenso außer Frage. Und nun wollte ich den Leser nicht mit einer langen Vorgeschichte langweilen, wann und wie und warum die beiden zusammenkamen etc. Es geht ja primär um die Kriminalgeschichte und was diese mit den Leuten macht.

E.S.M.: Das Thema Sicherungsverwahrung ist immer noch heiß diskutiert, und auch wenn es vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als menschenrechtswidrig bestimmt wurde, ist es immer noch eine Ermessenssache der Richter und Gutachter, ob ein Sicherheitsverwahrter freikommt. Selbst juristisch ist es ein Unding, einen Menschen wegzusperren ohne einen Tatbestand. In Der Voliere greifen Sie das Thema sehr ambivalent auf, einerseits die Unfähigkeit des Staates mit den Freigelassenen umzugehen, die Dummheit und Ängste des Mobs und andererseits die extreme Gewaltbereitschaft bei Rosen und Lefeber, sobald sie wieder die Möglichkeit dazu haben. Denken Sie, dass es in unserer Gesellschaft, die für nichts und niemanden mehr Anonymität gewährleisten kann, überhaupt einen Lösungsansatz für dieses Thema gibt?

M.-O. Bischoff: Nein, ich denke, dass es dafür keine Lösung gibt. Wie eine ökonomisierte Gesellschaft mit Schwachen und mit solchen außer der Norm umgeht, sehen wir ja täglich. Es gibt in anderen Ländern wie z.B. Holland vielversprechende Ansätze, aber ob die je zu uns schwappen und etwas verändern, ist fraglich. Ich glaube auch nicht, dass die Anonymisierung das Problem ist. Auch in Zeiten ohne Internet gab es schon Hexenjagden. Es hat immer Menschen gegeben, die sich aktiv Feindbilder gesucht haben, um ihr Gefühl der Machtlosigkeit zu kompensieren und das wird, befürchte ich, auch immer so sein. Wichtig ist, dass diese Leute nicht die (Meinungs-)Führerschaft übernehmen.

E.S.M: Besonders das Buch Golanhöhen kann man als eine Art Sozialstudie bezeichnen. Sind ihre Beschreibungen von den sozialen Brennpunkten Frankfurts reine Beobachtungen oder waren sie einmal beruflich in diesem Umfeld tätig?

M.-O. Bischoff: Ich habe als Zivildienstleistender in einem Heim für „schwer erziehbare Jugendliche“ (damals durfte man das noch so nennen) gearbeitet und Leute aus einer sozialen Schicht kennengelernt, mit denen ich sonst nie in Berührung gekommen wäre. Zählt das als Berufserfahrung? Ansonsten gibt es zum Thema „Problembezirke“ erstaunlich viel Lesestoff und Recherchematerial. Der Rest ist Imagination.

E.S.M.: Die Szenen, wenn Gideon Richter in den frühen Morgenstunden völlig entnervt mit den anderen Vätern am Kiosk steht, sind einfach wunderbar. Sie haben auch zwei Kinder, sind das Beschreibungen aufgrund von Erfahrung? Standen Sie auch mal dort mit einem Tee?

M.-O. Bischoff: Also dieses Wasserhäuschen in der Berger Straße gibt es nicht wirklich. Aber ja: meine Kinder haben mich auch schon an den Rand des Wahnsinns gebracht (und tun es manchmal heute noch), und ich habe auch schon mehrmals nächtens eine Runde um den Block gedreht, um nicht auszurasten. So ein Kiosk wäre dann natürlich eine große Hilfe. Dann würde ich auch einen heißen Tee trinken (obwohl ich süchtig nach Kaffee bin).

E.S.M.: Wie recherchieren Sie, besonders, wenn es um die Polizeiarbeit und die internen Probleme bei der Mordkommission geht?

M.-O. Bischoff: Für alles was Abläufe, Faktenwissen und Organisatorisches bei der Polizei betrifft, hole ich mir Rat beim Pressesprecher des Frankfurter Polizeipräsidiums, der mich von meinem ersten Buch an unheimlich toll unterstützt und beraten hat. Dafür gebührt ihm hier noch einmal besonderer Dank. Was die „internen Probleme“ angeht: das ist der komplett fiktive Teil. Da ich als Angestellter in einer Firma arbeite, in der es wie überall Politik gibt und interne Konflikte, extrapoliere ich meine Erfahrungen aus diesem Bereich eben auf die Polizei, obwohl ich sicher bin, dass es dort viel harmonischer zugeht als in meinen Büchern. So wie die echten Kommissare dort arbeiten – mit Zeitdruck und Überstunden und totalem Engagement um ein Verbrechen aufzuklären und ggf. sogar Menschenleben zu retten, haben die Kripoleute gar keine Zeit für das kindische Gestreite, das in meinen Büchern passiert. Für die Leser ist ein Team mit menschlichen Konflikten aber natürlich viel interessanter, als die meistens unspektakuläre und rationale reale Polizeirealität.

E.S.M.: Mit dem Ende von Golanhöhen haben sie ihren Lesern in Bezug auf die Protagonisten einen ziemlichen Cliffhanger geliefert, wann können wir mit dem vierten Band rechnen?

M.-O. Bischoff: Da muss ich Sie enttäuschen. Als ich die „Tödliche Fortsetzung“ fertig geschrieben hatte, dachte ich nicht mal an eine Serie. Ich bin kein typischer Serienleser und erst recht kein Serienschreiber. Dass am Ende drei Bücher draus geworden sind, ist ein Zugeständnis an Verlag und Leser, die Serien bevorzugen. Ich habe das ganze auf meine Art gelöst, indem es drei Figuren gibt, und in jedem Buch spielt eine der drei die Hauptrolle, die anderen nur Nebenrollen (Band 1: Martin Kanther, Band 2: Nora Winter, Band 3: Gideon Richter). Aus diesem Grund wird es keinen vierten Band geben, denn es gibt ja auch keine vierte Figur. Aber natürlich arbeite ich an einem neuen Projekt, wieder aus dem Spannungsgenre, das sich sehr vielversprechend entwickelt.

Herzlichen Dank für das Interview. Wir hoffen, auch in Zukunft, noch viele Ihrer spannenden Bücher lesen zu können

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